Kleines Land - ganz groß
von Bodo Bodenstein


Es war einmal ein deutscher Staat,
geboren auf des Krieges Trümmern,
der neue deutsche Demokrat
wollte sich ums Volke kümmern.

Doch die Macht vom großen Bruder
strahlte aus auf die Partei,
wer Stalin hielt nur für ein Luder,
der war nicht lange mehr dabei.

Der Westen konnte vieles bieten,
drum nahmen viele ihren Hut,
die Russen nahmen die letzten Nieten,
der Wirtschaft ging es gar nicht gut.

Die hier blieben, bauten auf
in einem 5-Jahr-Planes-Schritt,
mit Planwirtschaft ging es bergauf,
selbst die Bauern mussten mit.

Ob VEB, ob LPG -
den Plan verfehlt - das galt als Schande,
es sei denn, schuld war Frost und Schnee -
Privatbesitz gabs nur am Rande.

Die SED war oberste Instanz,
Marx und Lenin kamen noch vor Gott,
der Sekretär war Herrscher ganz -
in der Jugend herrschte die FDJ.


Überholen wollte man den "Feind" -
der Kommunismus war das Ziel -
es war sicher gut gemeint,
doch wer verstand schon davon viel?

Im Sozialismus, war gesagt,
nach der Leistung sollst du leben,
doch später, wenn es dir behagt,
im siebten Himmel kannst du schweben -

So wird Kommunismus sein,
jeder Wunsch, der wird auch wahr,
die Produktivität sei nicht mehr klein,
nur weiß man nicht genau das Jahr,

wann es wird dann Wirklichkeit...
kurz: es war Humbug recht und schlecht,
die reinste Ahnungslosigkeit,
doch die Partei hat immer Recht!


Recht hatte sie auch mit der Mauer,
denn die Amis wollten Krieg,
Adenauer lag auf der Lauer,
sie wollten schnell der NATO Sieg.

Doch wie erklärte die Partei das Wunder,
die Westverwandtschaft war nicht böse,
schickten Pakete ohne Plunder
und gaben nichts aufs Weltgetöse.

So ein Paket, das war der Traum,
Duft entstieg den schönsten Sachen,
Kaffee und Spielzeug unterm Baum,
die Schokolad' kam in den Rachen.

Die Partei, ganz praktisch denkend,
schuf INTERSHOPs im ganzen Land,
keinen Westpfennig verschenkend,
wollt' D-Mark sie aus erster Hand.

Damit sie jedoch machte
den ersten Schritt ins eig'ne Grab,
wer Westgeld hatte, der nur lachte,
die Staatstreue ging so hinab.


Um die Massen fest zu binden
wurde groß organisiert,
in Zirkeln, Gruppen konnt' man sich finden,
hat sein Talent mal ausprobiert.

So wurde Sport ganz groß geschrieben,
jeder kleine VEB
hatte Sektionen mindestens sieben,
vereint in einer BSG.

Im Sport, da kam man ganz groß raus -
GDR war Spitze in der Welt,
für manchen gab es viel Applaus,
mehr Ruhm und Ehre noch als Geld.

"Alles für des Volkes Wohl"
war der Parteitage Devise,
das Volk, das trank viel Alkohol
und der Staat war in der Krise.

Wenn es gab wieder 'ne Wahl,
da konntest du nur spekulieren,
ob 99 ist die Zahl,
mit der sie gingen dann hausieren.

Echt wählen konnte man doch nie,
der Urnengang war nie geheim,
"Zettel-Falt-Demokratie",
missbraucht von oben, ganz gemein.


Jeder, der mal lautstark sagte,
er denke anders als der Staat,
der, der STASI nicht behagte:
er wurd' zermahlen im Apparat.

Nie dachte daran die Partei,
als Gorbatschow kam an die Macht,
daß es so schnell ist vorbei
mit des Sozialismus Pracht.

Aus GLASNOST wurd' der Freiheit Ruf,
weg mit der Partei Doktrin,
das "Unheil", das er damit schuf,
dafür verehrt und hasst man ihn.

"Gorbi, Gorbi!" rief das Volk
wochenlang auf Leipzigs Straßen
und das Volk hatte Erfolg:
die SED musst' Federn lassen.


Zuerst sollte man frei wählen,
richtige Demokratie!,
doch bei "Deutschland, einig Vaterland!"
gabs Chancengleichheit eigentlich nie.

Süßer Duft vom Westpaket
war den Leuten in den Sinnen,
die D-Mark war wie ein Magnet,
so tat das Ostland schnell zerrinnen.

Ob der schnelle Beitritt war
gut fürs Land oder gar schlecht,
darüber streiten Gelehrter Schar
und wissen's am Ende auch nicht recht.

Übrig bleibt ein Stück Geschichte,
von Idealismus und von Geld,
darin gefangen wir kleinen Wichte
aus der größten DDR der Welt.

 


2003 by Bodo Bodenstein

 

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