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Tagebuch einer Psychose

Selbsthilfe-Archiv Psychose Nr.2

67
Date: Sun, 8 Oct 2000 04:08:10 +0200
Subject: ins Psychoseforum mit mail bitte !

Liebe Leute !
von spalt2.2.: ohnegrund@web.de

ich mußte nicht viel mehr lesen als eintrag Nr. 66 um zu wissen, daß ich hier Richtig bin !

Gibts denn niemand die/der auch mal SEHNSUCHT! nach seiner "letzten" reise in die andere wirklichkeit hat? jemand, der die unausprechbaren Metaebenen unserer Erfahrungen trotz ihrer unmenschlichen Urgewalt auch -liebt ?

Verdammt, ich weiß sehr gut wie überwältigend die andere wirklichkeit ist, und ich weiß wie viel Energie so ein "trip" kostet und ich bin danach auch immer für Monate am ENDE !

Und trotzdem: WAS WÄRE DIE WELT DER "NORMALEN" OHNE UNS BEGEISTERTEN ? wer würde denn gott und die welt so kompromisslos und mit all ihrer/seiner existenz SO rückhaltlos vor den Kopf stoßen wenn nicht Wir ANDEREN...
ohne uns gäbe es nur geistigen Stillstand,
ohne uns keine kulturellen Revolutionen,
ohne uns keinen Zauber.
Seht Ihr denn nicht auch, daß ein guter teil multimedial verbreiteter Phantasie nur durch uns möglich und real erfahrbar ist ?

Wie oft muß ich mich selbst daran erinnern, daß es Kulturen gab (und hoffentlich noch irgendwo gibt ((stil searching)), Gesellschatften, welchen ihre VERRÜCKTEN : HEILIG (!) waren, weil sie direkten Konntakt zu den GEISTERN haben?

Ich weiß, wie schwer es in GERMANESIEN ist Psychotiker zu sein... Wer fühlt sich schon vollgepumpt mit Neuroleptika und Tranqilizern als iregndwie heilig gehalten...?

Irgendwo im www fand ich mal, der wahnsinn sei NORMAL, wenn man der Wirklichkeit auf die Spur kommt ! es ist so. thats right.

Leute ! GLAUBT AN EUCH ! STELLT EUCH MIT EURER ANDEREN WELT AUF GUTEN FUß- Seid wachsam und stark und bescheiden und tut vorher was, damit ihr "DRÜBEN" gut aufgehoben seid, falls ihr mal wieder die Ebenen wechselt...

Mich haben das letzte mal die "geister" oder "STIMMEN" selbst wieder auf die beine bekommen und mich langsam-langsam wieder in den allgemein annerkannten wahnsinn der "REALITÄT" zurückbefördert !(keine ärzte-keine medikamente !

Und tut mir bitte (um himmels willen) den gefallen Psychosen nicht länger nur als Krankheit zu bezeichnen! Das MACHT mich krank und euch genauso!

"REALITÄT" ist NICHTS, als eine gesellschaftliche NORM ! Nur eine allgemein geläufige VORSTELLUNG von WELT und Wirklichkeit, die keinerlei Anspruch auf absolute gültigkeit erheben kann!

ich weiß, daß mensch meistens auch sehr sehr EINSAM in unseren anderen welten ist- ich habe dort seltenst jemanden getroffen, mit dem ich reden konnte. Die wenigen , die ich traf, werde ich ein Leben lang nicht vergessen und in allergrößter Dankbarkeit in erinnerung behalten.

Seid Euch mal bewußt, daß die NORMALITÄT der Menschheit unsere erfahrungs-wirklichkeiten vielleicht erst im sterben erlebt, oder überhaupt nie !

und wenn jetzt immer noch jemand wissen will, wo ich den schriftlichen, rettenden Background für meine Haltung gefunden habe, der möge sich die folgenden Bücher und Bilder ans Herz gelegt sein lassen:

Dr. Stanislav Grof
Carlos Castaneda (das zweite buch)
Sheldon B. Kopp
Hiernonimus Bosch
K´ún CHEN, das 16. Hexagramm des I-Ging (mir steht R:L: WING´s illustiertes I-Ging am nächsten)

*großen Dank an den alten geist des chinesischen Weißheitsbuches, ohne den ich´s nicht geschafft hätte *

und alles was mensch über Schamanismus bei GLAUBWÜRDIGEN Autoren findet! ich selbst werde mal bei der transpersonalen psychologie weiterforschen und meine systemübergreifenden entsprechungen finden.

Sorry, daß ich jetz nicht inhaltlich auf EURE beiträge bezug genommen habe, es ist gerade eher früh morgens als nachts und ich mußte meinen "Aufruf zum Selbstbewußtsein" einfach noch loswerden, bevor ich das morgen verschlafe...

Kopie geht an die besten und liebsten web-weiten Schamanen, die ich kenne, (s.u. www.kondor.de und www.tolteken.de) sowie ans parsimony-psychose.forum .

Danke, daß es Euch gibt! macht´s so gut ihr nur könnt ! Zumindest in diesem Körper und in dieser Welt leben wir nur einmal.

und denkt dran, was ich in härtesten tagen hören durfte: "Das Universum gibt immer, was Mensch braucht! Ob es das ist, was mensch will- ist eine andere sache, und man sollte dem Universum auch zeit und möglichkeit geben, zu geben, was mensch braucht. Aber seit euch immer sicher, daß das, was wir bekommen IMMER genau das ist, was wir brauchen! Egal ob es schön oder häßlich, angenehm oder unangenehm, leben oder tod ist!"

Jan, Gartenfachgeschäftinhaber

es grüßt euch herzlich
"ganz klar und gleichzeitig ganz schön verplant"
spalt 2.2.: ohnegrund@web.de

Keep fighting, but keep smily


66
Date: Sun, 1 Oct 2000 17:05:39 +0200
Subject: Beitrag zum Psychose Leserforum

Wer ist verantwortlich dafür, daß Menschen
ausrasten und verrückt werden?

Jene Gattung Mensch, welche niemals davon hat
ablassen können, im Namen der Liebe zu hassen, im
Namen der Wahrheit zu lügen, im Namen der
Fürsorge auszubeuten, im Namen der Rettung zu
verderben, im Namen der Freiheit zu unterdrücken,
und im Namen der Verantwortung sich
dummzustellen.

(Dies ist ein etwas abgewandeltes Zitat des Komponisten Helmut Lachenmann. Das Originalzitat beginnt folgendermaßen: 'Schönheit: das ist Ruhekissen oder Nadelkissen jener Gattung Mensch...' Er kritisiert damit den konservativen Musikhörer, der von der Musik fordert, sie müsse 'schön' und 'harmonisch' klingen.)

     Heinz Kaiser
(jemand, der entsetzt darüber ist, was die Psychiatrie mit ganz normalen Menschen macht, die sich in einer psychischen Krise befinden! Mein Lieblingsbuch: Marc Rufer Irrsinn Psychiatrie)


65
Date: Fri, 29 Sep 2000 17:37:00 +0200 (MEST)
Subject: Ein Gedicht

Die Krankheit

Durch Schicksals Wende mir zerrinnen
in meinem Kopf die armen Sinnen,
die eig'nen Leut sehn mich verrückt,
mein Herzgefühl ist ganz zerstückt

Sie bringen mich ins Krankenhaus,
ich denk bei mir: Jetzt ist es aus!
Ich kriege was auf meine Mütze,
weil ich nicht will, auch eine Sprütze.
Die Schwester läszt sich nicht lang bitten
und sticht sie mir in meine Rippen.

Nach ein paar Wochen wird mir klar,
es war wohl doch nicht wie es war.
Ich war nicht Jesus auf der Welt,
ich bin kein übergroszer Held.

Jahraus, jahrein - fast wider Willen
musz ich nun schlucken süsze Pillen.
Der Doctor sagt: Vergisz sie nie!
Sonst kriegt er die Schizophrenie!
Nun, Herr Doctor, sey es drum.
Gib mir mein Neuroleptikum!

(Bodo)


64
Date: Fri, 22 Sep 2000 10:31:43 +0200 (MEST)
Subject: Leserforum

lieber bodo (du ähnelst mir ganz schön),
liebe dorothea buck (deinen pseudo kenne ich schon am ersten tag, an dem ich dir begegnet bin),
liebe psychose,

psychose ist keine krankheit! warum laßt ihr euer leben ruinieren von scharlatanen, die gar nicht wissen, was sie da diagnostizieren?! da haben sie sich schönes ausgedacht. machen aus einem 31beinigen nichts eine wissenschaft und wundern sich, wenn es dann funktioniert, weil es dann existiert. wenn sie medikamente dagegen einhelfen, sind sie nichts als mittelalterliche aderlasser. daß menschen in konflikte geraten, ist doch normal (s. weiter unten!).

ich war: 1. eine woche und 2. zwei wochen in einer geschlossenen. beide male gegen meinen willen. weil 1. ex-freund (neurologe/psychiater) und 2. jetziger freund soooooo besorgt um mich waren. meinem ex hatte ich vor 1½ jahr einfach vertraut, weil ich dachte, er weiß ja etwas. und bin mit ihm freiwillig zu dieser klinik gefahren, die mich dann nicht mehr freiwillig gehen lassen wollte. was mir in der 1. klinik passiert ist, erlebe ich natürlich kein 2. mal! tja. und mein jetziger freund war dann vor lauter sorge so pfiffig, eines abends die polizei anzurufen, um mir einen mordanschlag auf ihn unterzujubeln. die rief dann automatisch, trotzdem sie feststellte, daß ich sehr cool war für eine fast-mörderin, den notarztwagen. und dieser brachte mich automatisch in eine geschlossene, wo ich ebenso cool war und trotzdem automatisch mit starken medikamenten bombardiert wurde (lasse mich doch nicht spritzen!), bis mich unter widrigen bedingungen (kleingeld für defektes telefon auf dem gang...) mein anwalt nach 2 wochen spielend leicht herausgeholt hat, nachdem ich sofort meinen freund beauflagt hatte, seine aussage schriftlich zu widerrufen und an diesen ... richter zu faxen. nach dem klinikaufenthalt bin ich noch zum arzt gegangen, weil die klinikärzte mich nicht ohne diese auflage herauslassen wollten. und irgendwer wollte mir noch gerichtliche betreuungen anhängen... aber wer zwingt mich denn, dieses zeug auch zu schlucken, das mir ein arzt einreden will? niemand! und noch einmal zum arzt zu gehen? niemand! es geht mir besser denn je. ich kann gut schlafen. das denken ist logischer und macht sogar spaß. die phantasie ist größer. ich bin jetzt sogar creativ. und glücklich!
natürlich habe ich auch erscheinungen! ich lebe sehr gut damit! sie sind doch lustig! klar habe ich seelenteilchen von einstein! er hat wichtiges über vor-urteile gesagt. klar bin ich ein weiblicher jesus! wenn er das behaupten durfte und so viele ihm bis heute glauben, dann sind sie alle krank oder unlogisch, wenn sie mir das nicht glauben. religion ist doch logisch aufgebaut, aber eben auch nicht perfekt. wer glaubt schon an menschenzeugung durch geisterhand. klar bin ich eine weltverbessererin, wenn mir das nur mehr menschen glauben würden. klar bin ich eine seherin. ich sehe z.b., daß ich meiner krankenkasse diesen ganzen unsinn in und vor der klinik ja gar nicht bezahlen muß.
diesen ganzen unsinn positiv zu sehen ist das wirkliche leben. jedes gericht würde mir recht geben. aber das brauche ich nicht, weil schon im vorfeld alle gegner wissen, daß vieles normale (normentsprechende) so unnormal (unlogisch) ist, daß es zum himmel schreit. meinem freund bin ich nicht böse. er hat mir ermöglicht, das zu sehen: patient, der trotz coolster coolheit dank pflegerfreizeit ein halbes stündchen pro woche an die sonne darf. patient, dem parfümglasfläschchen beschlagnahmt wird (damit er sich nicht umbringt) und von mitpatienten dutzende mineralwasserglasflaschen mitgebracht bekommt. patient mit tremor, der schon jahrelang mit starken medikamenten bombardiert wird. patient, am boden liegend und 8 mann auf ihm, endgültig erstickend an erbrochenem, weil er die polizei anrufen wollte. patient, der aus klinik kommt, selbstmord versucht und in klinik kommt, wieder rauskommt, wieder reinkommt... schööööööööön. so ein leben? nein! danke!

danke, psychose! wer immer du/ich sein mag/st. du = ich. weil ich + du = ich. du bist 0. weil ich 1 bin. ferner sehe ich: ich bin 0 ohne dich. deshalb liebe ich dich. ich weiß... bin eine rechte plaudertasche. :-)


63
Date: Wed, 20 Sep 2000 21:14:07 +0200
Subject: Leserforum

Wer hat Erfahrung mit "Ritalin", es wird meistens
bei hyperaktiven Kindern angewendet, aber auch bei
Erwachsenen mit Filterfunktionsstörungen,
bei Konzentrationsstörungen usw.
Nimmt jemand dieses Medikament?

Vielen Dank. Elisa


62
Subject: Leserforum
Date: Sat, 16 Sep 2000 12:09:30 +0200

Hallo zusammen!
Ich möchte gern auf einen Leseforum-Beitrag eingehen, der mich ganz besonders gefreut hat, den von Dorothea Buck (Nr.57) über "Parallelen zwischen Traum und Psychose". Ich bin 28 und psychotische Zustände begleiten mich seit meiner Kindheit. Was Frau Buck schreibt, finde ich einfach genial! Es entspricht ganz meinen Erfahrungen!
Als kleiner Junge fragte ich meine Eltern, woher sie wüssten, dass DIESE Welt die Wirklichkeit sei und nicht die Traumwelt? Sicher, ich litt immer am Unverstandensein, aber ich finde, dass solche Phasen auch ihr Gutes haben: Man erfährt, dass es keine end-liche Realität gibt, alles relativ ist und wird toleranter gegenüber Andersdenkenden! Man denkt nicht mehr "schwarz-weiss", lässt auch "Grauzonen" gelten. Es würde mich sehr interessieren, wie Betroffene ihre Persönlichkeitsentwicklung unter dem Eindruck psychotischer Zustände erleb(t)en!
Ich stelle immer wieder fest, dass Psychose und Traum eng miteinander verknüpft sind. Zum Beispiel hilft mir "Risperdal" wunderbar, den Kopf klarer zu halten und den Alltag zu meistern; nachts aber wird das unterdrückte(?) Psychotische durch Albträume verarbeitet.
Ich glaube, dass das Schwierige an Psychosen der Umstand ist, dass sie sich dem gewohnten Denken widersetzen. In ihnen gibt es keine Grenzen, keine Endgültigkeit. Sie sind wie die Träume, in denen ALLES möglich ist! Manchmal versuche ich in diesen Phasen, die Eindrücke als Traumsymbole umzusetzen in einem kurzen Tagtraum. Das ist der Raum, der es möglich macht, Dinge zu verarbeiten, die der Verstand nicht verarbeiten kann, weil sie seine "festen Grössen" transzendieren. Überhaupt kommt dem Schlaf ja höchste Priorität zu. Jeder, der in ärztlicher Behandlung ist, kann mir bestätigen, dass die Frage nach dem Schlaf, bzw. der Schlafdauer immer gestellt wird...!

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Schreibt mir unter atman@bluewin.ch, ich würde mich sehr darüber freuen!
Alles Gute wünscht Fredi


61
Date: Fri, 08 Sep 2000 15:04:43 +0200
Subject: Leserforum

Hallo Bodo,
ich habe mit großer Spannung deinen Bericht über die Psychose verfolgt. Ich hatte vor dreieinhalb Jahren eine schizo-affektive Psychose mit 2 Rückfällen, die ich ohne Krankenhausaufenthalt abwehren konnte. Seit dem Ausbruch der Psychose habe ich angefangen zu schreiben, zu schreiben und zu schreiben. Mein Schreiben ist ganz anders als deines. Ich kann mich nicht so sehr distanzieren, abstrahieren und die Lage so nüchtern sehen wie du. Mein Schreiben würde ich als lyrisch bezeichnen.

Kennt jemand von Euch im Forum Verlage, die sich literarisch für Psychoseerfahrungen interessieren?

Bodo: Ein erster Versuch wäre vielleicht der Psychiatrie-Verlag - (Seite: www.psychiatrie.de).


60
Date: Sat, 22 Jul 2000 20:50:40 +0200
Subject: Leserforum

Hallo, ich bin auf der suche nach dem mp3 "Der goldene Reiter" auf deine Seite gestoßen. Ich hatte vor 5 Jahren eine psychotische Episode, wie man das so nennt. Danach war ich auf mich gestellt und mit der Hilfe und Geduld meiner Schwester hab ich mich wieder aus diesem für andere nie nachvollziehbaren Erleben herausgearbeitet.

Das hat einige Jahre gebraucht und mich viel kraft gekostet. heute aber bin ich froh, so etwas erlebt haben zu dürfen, denn dadurch hat sich mein leben zum positiven verändert. kein arzt wird das je verstehen, was da in einem vorgeht.

Ich finde es gut, daß du diese seite ins netz gestellt hast, denn sie gibt uns "betroffenen" mut.
und ich glaube fest daran, daß jeder, der so etwas erlebt hat, einen gewinn daraus für sich und sein leben ziehen kann.

Donna_Rose


59
Subject: Leserforum
Date: Wed, 19 Jul 2000 08:15:43 +0200

Nachstehender Artikel ist mit Erlaubnis des Autors Thomas Bock für die Publikation im Internet.

Vorwärts oder Rückwärts?

Zu den Auseinandersetzungen um den Weltkongreß für Psychiatrie 1999 in Hamburg von Thomas Bock

Der Weltkongreß für Psychiatrie 99 war im Unterschied zum Weltkongreß für soziale Psychiatrie, der 1994 am gleichen Ort stattfand, nicht dialogisch konzipiert. Unverkennbar waren vor allem Psychiater versammelt. Wer sonst hätte auch die 800,- DM Eintritt bezahlen können? Damals ging es unter dem Titel »Abschied von Babylon - Verständigung über Grenzen in der Psychiatrie« um eine von Patienten, Angehörigen und Profis (aus Wissenschaft und Praxis) gemeinsam getragene historische Auseinandersetzung mit dem Größenwahn der Psychiatrie, der in Nazi-Deutschland bis zur Ermordung von hunderttausenden Patienten führte. Diesmal hatte die Beschäftigung mit der Vergangenheit vor allem Alibicharakter und geschah erst nach deutlicher Kritik des Bundesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen und des Pendants aus Israel. Damals ging es um die Überwindung der Sprachverwirrung nicht nur zwischen Erfahrenen, Angehörigen und Profis. Diesmal hatten die versammelten Psychiater keine Scheu, alle Definitionsmacht und alle Entscheidungskompetenz darüber, was richtig und was falsch ist, für sich zu reklamieren.

Müßig zu fragen, was da Rückschritt oder Fortschritt bedeutet Ich will versuchen, optimistisch zu bleiben. Der Babylonkongreß hatte und hat eine so große Resonanz, gerade weil er zumindest auf internationaler Ebene in seiner Art einzigartig war und blieb. Und selbstverständlich geschieht eine solche kulturelle Revolution nicht über Nacht. Noch lange wird es dauern, bis die Psychiatrie von gemeinsamem gleichberechtigten Handeln statt von patriarchalischem Behandeln, von gemeinsamen Suchen und Abwägen statt von einseitigen Entscheidungen geprägt sein wird. Schließlich geht es »nebenbei« um eine Versöhnung von Psychiatrie und Psychotherapie und um die Entwicklung eines förderlichen Milieus auf Akutstationen, um eine Kultur der Achtung und des Ringens um Verstehen, um mehr Zeit usw. Beim Weltkongreß für Psychiatrie 1999 stand die fachliche Auseinandersetzung innerhalb des Faches im Vordergrund. Das war die Antwort auf die Forderung nach mehr Präsenz für Erfahrene und Angehörige. Nach außen sichtbar wurde eine monologische Konzeption von Psychiatrie: Die Psychiater haben allein zu entscheiden, welche Behandlung für welche Krankheit richtig ist. Sie haben sich bei den meisten Diagnosen auf das Primat der Pharmakotherapie geeinigt und wundern sich jetzt nur noch, warum das auf ungenügende Akzeptanz stößt. Das aber soll ein technisches Problem sein, das es durch Aufklärung und eine sogenannte »Entstigmatisierungskampagne« zu beseitigen gilt. Keine Rede dabei von einem Ringen um eine gemeinsame Sprache.

Langweilige Psychiatrie?
Diese Konzeption ist nicht nur langweilig, sondern auch unzureichend. Patienten lassen sich nicht auf ihren Stoffwechsel reduzieren. Erst recht nicht, wenn dieser aus jedem lebendigen Zusammenhang gerissen wird. Ein reduktionistisches Verständnis von psychischer Erkrankung und ein patriarchalischer Ansatz in der Behandlung führen zu einer hohen Abbruchquote. Oder anders herum: Wenn immer neue Generationen immer besserer Medikamente auf die (fast) gleiche Ablehnung stoßen, dann hat das etwas mit den Kooperationsstrukturen in der Psychiatrie, mit einem unzureichenden Verstehensansatz und mit einer fehlenden psychotherapeutischen Grundhaltung zu tun. Mit anderen Worten: Irgendwann wird auch Psychiatrieordinarius XY und Pharmafirma Z begreifen, daß der Weg ohne Dialog und ohne Ernstnehmen des subjektiven Erlebens in die Sackgasse führt. Mein persönliches Aha-Erlebnis in diese Richtung hatte ich, als Prof. Hippius vom Psychoseseminar in München schwärmte und betonte, daß die geplante Antistigma-Kampagne nur mit den Erfahrenen gemeinsam gelingen könne. Er hat recht. Wenn das Programm dieses Weltkongresses weitgehend von pharmakologischen Themen beherrscht wurde, dann hatte das nicht nur inhaltliche Gründe: Es lag auch daran, daß der Kongreß zu einem hohen Anteil von der Pharmaindustrie finanziert bzw. gesponsert wurde, einschließlich des Eintritts und der Reisekosten vieler Referenten und Teilnehmer. Und wenn in der Presse immer wieder über diese Themen berichtet wurde, lag auch das nicht in erster Linie an inhaltlicher Überzeugungskraft. Um nichts dem Zufall zu überlassen, wurde mindestens die Hälfte der Pressekonferenzen direkt von der Pharmaindustrie veranstaltet. Und wer als Journalist an drei Veranstaltungen einer bestimmten Firma teilgenommen und durchgehalten hatte (zweimal stempeln!), bekam einen CD-Player. Sehr überzeugend! Andere Kongresse funktionieren ähnlich. Warum also sich aufregen?! Mich hat nicht geärgert, daß die Pharmafirmen auf diesem Kongreß präsent waren, mich hat geärgert, wie sie es waren. Riesige Stände mit protzigen Skulpturen, High-Tech bis zum Abwinken. Ein Unternehmen übertrumpft das andere. Unsummen muß das kosten, die sich wirklich lohnen. Und der Stand der Angehörigen auf gerade mal vier Quadratmetern in der allerletzten Ecke versteckt! Diese Relation stimmt hinten und vorne nicht. Mich stört nicht, daß der Einsatz von Psychopharmaka offensiv vertreten wird. Mich stört, wie das geschieht, mit welch' armseliger Begründung, mit welch' schlichtem Menschenbild. Das schadet dem Ganzen!
Ohne Achtung für die subjektive Erfahrung und für die Besonderheit des Einzelnen kann Psychiatrie keine humane Praxis entwickeln, aber auch keinen wissenschaftlichen Fortschritt mehr erreichen. Das gilt auch und sogar für die Pharmakotherapie. Um alle therapeutischen Angebote - einschließlich der Pharmatherapie - in ein vernünftiges subjektiv überzeugendes und individuell passendes Gleichgewicht zu bringen, sind andere Kooperationsstrukturen zu entwickeln - zwischen Patienten und Angehörigen einerseits und den verschiedenen Therapeuten und Disziplinen andererseits, aber auch innerhalb des Faches, zwischen den Berufsgruppen und zwischen den Teildisziplinen Psychiatrie und Psychotherapie. Wer dies erst einmal und für den verführerischen Moment eines Riesenkongresses mißachtet oder zurückstellt, darf sich nicht wundern, wenn das inzwischen auch auf Protest stößt, wenn die Verbände der Psychiatrieerfahrenen zu einer Gegenveranstaltung mobilisieren. Die Heftigkeit der Kritik verweist auf die Heftigkeit der Enttäuschung. Auch von den Angehörigen ist - ihrer Rolle entsprechend höflicher und vorsichtiger - Kritik zu erwarten, wenn sie plötzlich als Kronzeugen für eine bestimmte Ausrichtung der Psychiatrie dienen sollen.

Falsche Freunde, neue Allianzen
Warnen möchte ich vor dem Mißbrauch der Kritik, vor falschen Freunden und Trittbrettfahrern: Wenn die Scientologen gegen die Psychiatrie mobilisieren, so kann man das entweder als Bauernfängerei oder als Ablenkungmanöver (»Haltet den Dieb«) verstehen, in jedem Fall aber als Marktgeschrei, das es zu hinterfragen gilt: Die Scientologen kritisieren die Psychiatrie als fremdbestimmende Macht und haben doch selbst nichts als Fremdbestimmung im Sinn. Sie kritisieren sie als autoritär und sind selbst hierarchischer strukturiert als jede mittelalterliche Anstalt. Zwischen den Positionen/Interessen der Psychiatrieerfahrenen und der Scientologen liegen Welten, auch wenn manche Formulierungen vordergründig ähnlich erscheinen. Die einen wollen Macht übernehmen, die anderen relativieren; die einen Hierarchie verschärfen, die anderen hinterfragen; die einen mehr Fremd-, die anderen mehr Selbstbestimmung. Es ist also wichtig, die Kritik am Kongreß zu unterscheiden, gerade auch für die, die ihn organisieren und besuchen. Das gebietet unsere Fairneß gegenüber den Psychiatrieerfahrenen und unser Interesse an der Fortsetzung des Dialoges mit ihnen - nach dem Kongreß. Zumindest in Deutschland vertraue ich auf die Funktionsfähigkeit des Dialogs und den Eintagsfliegen-Charakter von derartigen Kongreßkonzepten. Enttäuscht bin ich dennoch - in meiner Berufsrolle als Fachmann und natürlich auch als einer der Organisatoren des Babylon-Kongesses. Solche Kongresse wie der, der jetzt in Hamburg stattfand, haben entweder keine Botschaft mehr, weil alles in einer umtriebigen Beliebigkeit und allgegenwärtigen Eitelkeit untergeht. Oder sie haben die plumpe und falsche, aber verführerisch technokratische Überzeugung, daß die Wissenschaft Psychiatrie alles richten wird und für jede denkbar psychische Erkrankung das richtige Rezept (im wörtlichen Sinne) hat - bzw. bald haben wird. Nur die Patienten sind noch zu dumm und die Angehörigen zuviel oder zu wenig engagiert. Und weil ich mir diese Botschaft gewünscht hätte, möchte ich sie hier noch einmal formulieren: Die alten Kontroversen zwischen biologischer und sozialer Psychiatrie führen nicht weiter. Entscheidender ist, ob die Psychiatrie in der patriarchalischen Attitüde »objektiven« Wissens und Behandelns verharrt oder ob sie - die subjektive Perspektive aller Beteiligten ernstnehmend - zu einem partnerschaftlichen Handeln kommt.

Antistigmakampagne - im Dialog
Der Babylonkongreß war der erste und einzige psychiatrische Weltkongreß, der völlig ohne die Finanzierung der Pharmaindustrie auskam. Darauf bin ich heute noch einmal stolz. Das verändert die Atmosphäre. Es läßt die Bedeutung der Psychopharmaka nicht vergessen, aber es integriert sie. Und darauf kommt es an. Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal, beim nächsten Kongreß wieder offensiver zu werden. Dazu zwei Ideen: Wir sollten die Kooperationskultur bei der Pharmakotherpie zum Thema machen, den Dialog im Kernbereich der Psychiatrie einfordern. Und die Antistigmakampagne, da will ich Herrn Hippius beim Wort nehmen, die hat wirklich nur eine Chance, wenn sie dialogisch vorbereitet und durchgeführt wird. Nicht Psychiater, die behaupten, alles im Griff zu haben, verändern das Bild der Schizophrenie in der Öffentlichkeit, sondern Psychoseerfahrene, die für sich selbst sprechen und Angehörige, die sich aus der Isolation heraustrauen. Die Öffentlichkeit soll nicht lernen müssen, daß da nur ein paar Transmitter verrückt spielen. Das ist unprofessionell und falsch. Sie soll begreifen dürfen, daß der Übergang von normal zu verrückt fließend ist, daß man viel mehr verstehen kann, als man erst denkt, und daß viele psychische Störungen aus einer existentiellen Sicht der Betroffenen Sinn und Bedeutung haben können, es jedenfalls lohnt, danach zu suchen.

Psychoseseminar-Treffen in 2000
Wir brauchen keinen neuen Größenwahn der Psychiatrie. Also weiterhin: Abschied von Babylon! Zum Dialog gibt es keine Alternative. Im nächsten Jahr wird es - zum zehnjährigen Jubiläum - einen zweiten bundesweiten Erfahrungsaustausch der Psychoseseminare geben. Einladung und Vorschläge zum Programm folgen. Auf jeden Fall ein Ort, diesen Kongreß zu verdauen und zu vergessen. Eine Gelegenheit, die Signale (wieder) anders zu stellen. Und eine Antistigma-Kampagne zu starten, die diesen Namen verdient.

Quelle: Psychosoziale Umschau 4/99
© Psychiatrie-Verlag

http://www.people.freenet.de/ak71/bock.html


58
Subject: Leserforum
Date: Mon, 10 Jul 2000 13:09:17 +0200

Hallo,
ich habe letztens in einem Beitrag über meine Psychose berichtet. Mein Pseudo-Name ist Dreamy und ich möchte noch kurz etwas hinzufügen. Nachdem ich endlich das Medikament Zyprexa abgesetzt habe und jetzt auf Solian 200mg. umgestellt bin geht es mir entscheidend besser. Ich fühle mich wahrhaftig nicht mehr wie unter der berühmten "Käseglocke". Solian ist ein wahrhaft gutes Medikament, daß ich nur empfehlen kann bei einer schizophrenen Psychose. Übrigens habe ich auch über dieses Leserforum einen ganz interessanten, auch homosexuellen Menschen kennengelernt, der an einer schizoiden Psychose leidet. Und ich muß sagen der Erfahrungsaustausch über psychische Erkrankungen und Homosexualität hat sehr gut getan. Und ich würde mir noch weitere solche Kontakte wünschen.
Also bis dahin alles Liebe und Gute, der Dreamy
Meine e-mail Adresse: Dreamy@coupemail.de


57
Subject: Leserforum
Date: Sun, 25 Jun 2000 08:29:26 +0200

Parallelen zwischen Traum und Psychose
als Hilfe zum Psychose-Verständnis.
Von Dorothea Buck

Wie läßt sich die eigene Psychose verstehen? Ich hatte das Glück, während meines vierten schizophrenen Schubes 1946 durch das Miterleben der Psychose einer Mitpatientin zu erkennen, daß in der Psychose Inhalte unseres eigenen Unbewußten ins Bewußtsein einbrechen. Aus ihrem nächtlichen Traum heraus geriet sie in eine schwere Psychose. Das Merkwürdigste war für mich, daß sie dabei eine andere, wie französisch klingende Sprache sprach, obwohl sie nie Französisch gelernt hatte. Ich wußte aber von ihr, daß sie aus einer Hugenottenfamilie stammte. Offensichtlich war mit ihrer Psychose dieser von ihren Vorfahren ererbte Sprachrhythmus aufgebrochen, der sie die zweite statt der ersten Silbe im Deutschen betonen ließ. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, daß unsere Psychoseerfahrungen nicht von außen, von Gott oder anderen Mächten "eingegeben" sind, sondern aus uns selber, aus einem Unbewußten in uns, aufbrechen. Ohne aber zu wissen, was dieses Unbewußte sein könnte und was es enthält, konnte ich diese Spur noch nicht weiter verfolgen.

Erst nach meinem fünften und letzten Schub 1959 fiel mir auf, daß seit dem Aufbruch meiner psychotischen Vorstellungen bereits Monate zuvor meine Nachtträume ausgesetzt hatten. Ich konnte mir das nur so erklären, daß die psychotischen Vorstellungen an die Stelle meiner Nachtträume getreten waren. Sie mußten daher aus der gleichen Quelle wie meine Nachtträume, aus meinem gleichen Unbewußten kommen. Auf diese Spur hatte mich 13 Jahre vorher bereits die französisch klingende Sprache meiner Mitpatientin gebracht. Nun sagte ich mir: Ebensowenig wie Träume "geisteskrank" sind, kann es die psychotische Vorstellung sein. Unsere Krankheit kann nur darin liegen, daß wir unsere psychotischen Vorstellungen für wirklich halten, während wir dies im Traum nur tun, solange wir ihn träumen. Wenn ich die Vorstellungen meiner abgeklungenen Psychose auf der Traumebene verstand, konnten sie ihren Sinn für mich behalten, nur ihre Wirklichkeit nicht. Als Wirklichkeit erschienen sie mir nach der Rückkehr in den Normalzustand nach keinem meiner fünf Schübe mehr. Im nachhinein konnte ich selber nicht verstehen, daß ich so Phantastisches hatte glauben können. Diesmal war es anders: Ich verstand jetzt, daß nicht nur einzelne Symbolhandlungen in der Psychose, sondern ihr gesamtes Erleben dem Traum verwandt ist und wie dieser aus unserem eigenen Unbewußten in unser Bewußtsein aufbricht.

Dieses Verstehen der Psychose als Aufbruch des eigenen Unbewußten befreite mich von der uns alle schwer belastenden psychiatrischen Bestimmung der Schizophrenie als einer körperlich und erblich verursachten "unheilbaren Geisteskrankheit", wie es damals hieß. Durch ein zunehmendes Psychose- und Selbstverständnis bin ich seither "gesund" geblieben.

Fragen wir uns, was in der Psychose eigentlich geschieht. In der Regel ist es wohl so, daß ein ihr vorausgegangener Konflikt oder eine Lebenskrise, die wir mit unseren bewußten Kräften nicht lösen konnten, sich in der Psychose in konkrete Vorstellungen verwandeln. Das können beängstigende, aber auch befreiende Vorstellungen sein. Das Entscheidende ist aber, daß das zuvor Ungestaltete oder Ausweglose einer Lebenskrise in unserem Psychoseerleben Gestalt gewinnt. Vielleicht ist das auch der Sinn unserer Nachtträume: Probleme, Emotionen und uns gar nicht bewußte Inhalte unserer Seele im Traum in konkrete Vorstellungen, in real erlebte Situationen bildhaft zu verwandeln, die sie uns zugänglicher machen, in denen wir unsere Phantasien ausleben können, wie wir es auch in unseren Psychosen tun.

Statt nun aber die in der Psychose Gestalt gewordene Lebenskrise als Chance zu verstehen, sich mit ihr auseinander zu setzen, hat unsere Psychiatrie in der Regel nichts Eiligeres zu tun, als sie medikamentös zu bekämpfen und sie ins Unbewußte, aus dem sie aufbrach, zurückzudrängen, ohne zu fragen und mit den Betroffenen zu überlegen, was die Psychose-Inhalte uns zu sagen haben. Daß Verdrängtes immer wieder aufbricht, ist eine alte Erfahrung.

Ich machte mir die Mittel klar, die Traum und Psychose anwenden. Zum Beispiel das bildhafte Erleben in Symbolen. Daß die erlebten Symbole und Identifikationen so glaubwürdig für uns sein können wie sie es im normalen Zustand nicht wären, liegt vor allem daran, daß sich in der Psychose das Weltgefühl verändert. Man spürt überall Sinnzusammenhänge, ohne sie erklären zu können. Das ist ein anstrengendes Erleben und läßt uns auch Unmögliches miteinander in Beziehung setzen. Die Psychiatrie nennt das "Beziehungs- und Bedeutungswahn oder Größenwahn".

Ich nannte es "Zentralerleben", weil alle Bereiche des Lebens wie bei einem Fächer von einer gemeinsamen Mitte auszugehen und miteinander verbunden zu sein schienen im Unterschied zur "normalen" Welterfahrung. Das verführt sehr leicht dazu, nicht sich auf das Ganze, sondern das Ganze auf sich zu beziehen. Mit dem Gefühl der Angst kann dies als persönliche Bedrohung erfahren werden und zu Verfolgungsideen führen.

Psychoseerfahrungen ohne klare Parallelen zum Traum, wie z. B. gehörte Stimmen, können besser verstanden werden, wenn man weiß, daß unsere frühen Vorfahren wahrscheinlich ihre Gedanken hörten, und daß das Stimmenhören eine alte, ursprüngliche Form des Denkens war. Auch das Denken und Vorstellen in Symbolen und Bildern, das in der Psychose aufbrechen kann, gehört zu diesen älteren, sinnenhaften Denkformen, bevor sich das abstrakte Denken entwickelte.

Wer keine Stimmen hört, wird doch innere Impulse kennen, die die Führung übernehmen. Besonders nach vorausgegangenen anstrengenden Lebenskrisen kann es eine Erleichterung für uns sein, sich diesen inneren Impulsen zu überlassen. Sie können im genaueren Zusammenhang des Ganzen leiten als es der eigene Wille vermag. Ein gewonnenes Verständnis der Psychose und ihrer inneren Sinnzusammenhänge mit der eigenen Lebensgeschichte wird zur Heilung allein nicht genügen, wenn nicht die dynamischen Kräfte, Gefühle und Impulse, durch ihre Einbeziehung in unser Leben daran gehindert werden, sich zu stauen und dadurch in neuen Psychosen aufzubrechen.

Daß viele Psychosen ähnliche Mittel einsetzen, wie unsere Nachtträume zur Verarbeitung unserer Tageserlebnisse, kann eine Brücke zum Verständnis der Psychose sein, nicht nur für uns selbst, sondern auch für die Außenstehenden.

http://www.people.freenet.de/ak71/buck.html


56
Date: Thu, 22 Jun 2000 14:04:39 +0200
Subject: Leserforum

Hallo,
im letzten Jahr habe ich dich schon einmal kontaktiert....ich bin die frau des schreiberlings, dessen bericht ich als attachment angehängt habe. Auf diesem wege möchte ich nochmal danke sagen....für info´s, aufmerksamkeit und der vermittlung des gefühls nicht allein auf der welt zu stehen.

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NON-STOP

Nick in his best, broad lowland- scots accent:" Hello Mr. S(Z)immermann, my name is Rorsy Mc Gregorr. I`m hoping you have a bumperr for my carr." And then you were supposed to ask what sort of car I have. „A wee blue one" „No, the serial number?" „och, that BDW 129B"

Aber sowas ähnliches hatten wir schon gehabt und ich befürchtete, du wärst eh auf der Lauer und bereits alamiert, dass der Michael wieder frei rumläuft. Ich kann eh keinen lowland-scots Akzent vernünftig nachmachen, was Dir schnell aufgefallen wäre. Also habe ich den Quatsch gelassen. Gewöhnst Du dich auch wieder an meine, von meiner Mutter über den grünen Klee gelobte Handschrift? Scheiß zwei Jahre Feb. 1998-2000, das sage ich Dir. 1999 habe ich fast das ganze Jahr um die Ecke von Dir verbracht. Im ST. Alexius. Inzwischen weiß ich ein bis drei Dinge über psychiatrische Krankenhäuser. Die erfüllen einen guten Zweck, sind teilweise lebensnotwendig für manche Leute, die sie aufsuchen. Die Patienten da drin sind meistens kaum anders als Du und ich- außer, dass oft eine bedrückte Stimmung herrscht. Teilweise wegen Depression, teilweise wegen Langeweile- weil man die meiste zeit nur rumhängt. Die Pfleger sind in Regel auch nette Leute, die oft mit einem eigenen Helfersyndrom geduldig zuhören, zu helfen versuchen, zu therapieren, zu beschäftigen. Ohne gleichzeitig eine zu starke Abhängigkeit zu erzeugen. Wenn die Sonne auf Dein Haus schien, schien sie auch über St.Alexius- und sie und das Gezwitscher der Vögel und die unheimlich vielen Elstern, die dort rumstolzierten und das Anbahnen des Frühlings, mit seinen Knospen und Blüten und dem Sanftgrün und die Felder voll von riesigen Sonenblumen, Wirsing und Kartoffeln und Fasane, die im Herbst hochspringen, um einzelne Samen aus den Sonnenblumen zu zupfen, Rosenkohl und Zwiebeln, Beerensträucher gibt es dort und Kräutergärten und total liebe Kälber, die einen ablecken, wenn man zu ihnen rüberspringt, die versuchen Schnürsenkel runterzuschlucken und doch recht scharfe Zähne irgendwo hinten haben, wenn man blöd genug ist, und Sachen- wie am Fliessband einer Kartoffelsortiermaschine wochenlang stehen und für DM 1,- steuerfrei übelriechende, glitschige Dinger rauszupicken, was eventuel für einen Bauingineur,grad, und technischen Projektleiter besonders hart ist wegen seinem Stolz, oder an Adventsdekorationen- Gestecken und Kränzen- zu basteln, oder Karnickelställe zu bauen und sich dabei so bewußt zu werden, wie abgrundtief unfähig ich geworden bin, kleinste Entscheidungen zu treffen, was echt weh tut, oder am Montagsgespräch in der Ökonomie teilzunehmen und zu hören, dass Gott irgendwo da draussen oder vielleicht sogar drinnen ist und zu einem schaut und sich sorgt und zu lernen, was die verschiedenen Jahreszeiten an sich haben, mit sich bringen und die echte Bedeutung von Feiertagen und christlichen Festen, wie Erntedank und St. Martin, mit loderndem Feuer, Himmelfahrt und Pfingsten, Ostern und Fronleichnam, oder einfach ganz interessante Dinge über die Natur, wie Sachen funktionieren, wie zum Beispiel die faszinierenden Unterschiede zwischen Kuh-Pferde-und Hühnermägen, auch witzige Sache, wie die Leben des Kuckucks, der als Ei in ein fremdes Nest gelegt wird und als Erster schlüpft, sich fleißig daransetzt, die Eier der Mutter aus dem Nest zu hieven, was doch jeder weiß, oder? Aber auch danach ein Problemchen hat, weil, wenn er es sagen würde, der ganze Trick auffliegen würde und die Pflegemutter ihn einfach sitzen lassen würde, der kleine Kuckuck löst das insofern, dass er keinen Mucks von sich gibt, was ich erstaunlich gut finde-hast du das gewusst, mein Freund?- so was lernt man im Alexius, um die Ecke bei Dir und es ist doch wissenswert, oder? Wenn man mit Freunden beim Bier über was Witziges reden möchte. Und am Ende des Montagsgespräches steht jeder auf, nimmt seinen Nachbarn an der Hand und sagt laut:" Ich wünsche Dir eine schöne Woche." Was in meinen Ohren immer etwas ironisch klang, weil wir- die meisten- wußten, dass diese Woche genauso Kacke verlaufen würde, wie die Woche davor oder soviele vor der auch und wie auch all die scheiß Wochen, die noch vor uns lagen oder liegen würden, weil unser Leben so war. Nach dem Montagsgespräch, eine rauchen, der Raum füllte sich ätzend mit Zigarettenqualm, einen Kaffee oder eine Limo, ein bischen mit den anderen quatschen, fast wie normale Menschen außer den Themen, welche sich um Psychose, Drogenerfahrungen, Entzug, Arbeitslosigkeit, Wohnungsuche, Depression und Alkoholprobleme und das beschissen, langweilige Leben, Psychopharmaka, welche man dagegen nahm, welche Beratung man von der Sozialarbeiterin bekam, wegen der Anträge für Sozialhilfe, Wohnberechtungsschein, Arbeitslosengeld oder minimalem Geld vom Landschaftsverband, was ich nie kapierte, nie kapieren brauchte, weil ich Glück hatte und die Krankenkasse weiter Krankengeld bezahlte und ich dies ausschöpfte bis auf einen einzigenTag zum Schluß, die 72 Wochen in 2 Jahren aufgebraucht hatte- ich und besondere Leistungen, nicht wahr?, drehten. Nun darf ich erst wieder am 3.2.2001 psychisch krank werden, wenn ich mir ein Bein breche ist das was anderes. An welchen Gruppengesprächen man teilnahm oder Einzelgesprächen mit dem Psychiater oder zu welchem Psychologen man fuhr- etwas ungewöhnlich waren- wie gesagt- fast wie „Normale"- oder „sogenannte Normale"- wie wir euch nannten- und nach dieser Frühstückspause, 10 kg habe ich in 2 Monaten im letzten Herbst abgenommen, gingen wir wieder arbeiten- Schweine- Rinder-Ziegen-Gänse oder Hühnerställe ausmisten und die Tiere füttern, im Garten graben, hacken, Unkrautzupfen, pflanzen, den Hof fegen, aufräumen- wie halt alles so läuft auf einem Bauernhof.

Nur das Grass aus der Spalte zwischen dem Bürgersteig der Strasse zu Dir und dem Ökonomiehof zu zupfen war besonders krass- verstehst Du- vielleicht bist Du auch an mir vorbeigefahren........

Und so habe ich September 1999 bis Ende Januar 2000 verbracht- und dies habe ich gesehen, die Sonne sah ich auch und habe sie offensichtlich gespeichert. Sogar einen Wellensittich habe ich gesehen im Freien, gespeichert und wieder freigelassen.

Währenddessen dachte ich oft, ich wäre tot- innerlich abgestorben, ein natürlicher Tod an gebrochenem Herzen. Eventuell war ich auch tot- geistig und seelisch, besser ist der Vergleich mit dem Winterschlaf, der alles auf Sparflamme reduziert- einen Herzschlag in 10 Minuten, auch das besprachen wir im Montagsgespräch.

Ich sah die Sonne, spürte die Wärme- und doch nicht. Regen fiel auf mein Gesicht, ich rauchte unwahrscheinlich fad schmeckende Zigaretten, ich roch, ich hörte, ich fühlte und ich dachte, ich sei emotional tot. Nie wieder fähig Gefühle und Regungen zu spüren. Klar konnte ich in diesen 5 schwarzen Monaten denken, natürlich konnte ich reden. Ich konnte mir denken, dass diese selbstzugefügte Tortur ein Ende nehmen würde, ein Licht am Horizont, ein Silberstreifen einer dunklen Wolke da sein würde- aber glauben, konnte ich das nicht. Fühlen- richtig fühlen- konnte ich es nicht.

An einem Nachmittag im Oktober nahm mich die Krankenschwester zu einem Spaziergang. Ein langer Spaziergang entlang des Flusses. „Sehen sie, wie sich die Blätter für den Herbst verfärben? Spüren Sie die Wärme der Sonne?" fragte sie mich. Klar tat ich das, meine Wahrmehmungsorgane funktionierten noch, wenn auch nicht auf Hochtouren. Reden konnte ich- die physikalische Fähigkeit zu sprechen war mir nicht abhanden gekommen, einen Kopf voller Gedanken hatte ich auch- aber reden konnte ich, warum auch immer, kaum. Und ich tat es mir selber an, wurde mir gesagt, so verstand ich sie. Dies hätte Frust und Wut in mir ausgelöst, wenn ich zu etwas Energiereichem in Lage gewesen wäre. Ich wollte protestieren, ich wollte laut los schreien gegen diese Ungerechtigkeit, wie es mir schien: „ Ich tue es mir nicht an- es tut es mir an und ich bin hoffnungslos, wehrlos ausgeliefert. Ich kann nichts dagegen tun" dies hätte meine Schuldgefühle, meinen Anteil an diesem Zustand verringert. Aber „die" wissen es besser, ich glaube das wirklich, verfolgen Ziele mit ihren Therapien, die der Patient nicht versteht, nicht verstehen kann. Es wird mir wieder passieren- ich werde mir diese Scheiße wieder antun. Aber vielleicht besteht eine ganz, ganz, ganz geringe Chance, dass ich es mir doch nicht wieder antue. Ich will „danke". Allen auf Station, allen von der Ökonomie. Wie es mir plötzlich anders wurde, kann euch meine Frau besser erzählen.

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Es war eine harte zeit mit unterschiedlichen erfahrungen. Sätze wie: er wird doch nicht von seiner über 80 jahre alten mutter erwarten, dass sie diese lange reise macht? trafen genau ins ziel....der kuckuck hatte gesprochen und die pflegemutter hatte reagiert....manchmal ist es besser zu schweigen? Manchmal ja....in diesem fall nicht, so denke ich. Also suchte ich woanders hilfe, faule wurzeln lassen die pflanze sterben. Ich soll sagen, wie es ihm "plötzlich" besser ging? Es ging nicht "plötzlich" sondern dauerte noch ein paar monate.... Ich nahm ihn einfach, es war wirklich einfach, wieder mit nach hause. Ich sagte, hier ist nicht der ort, wo du gesunden wirst. Denn im gegensatz zu ihm, glaube ich nicht mehr, dass die psychiatrie alles besser weiss. Und wir, die Kinder und ich, lebten mit ihm das leben. Wie alle "normalen" das tun. Mit dem unterschied, dass er aufgaben erhielt und ich mich manchmal zu häufig, wie eine mutter ihm gegenüber fühlte und protestierte. Und er war willig, die aufgaben zu erfüllen und wir dankbar, dass er da war. Denn wir lieben ihn...so wie er ist. "Normal" halt. Und die kuckucksmutter? Sie schickte wöchtlich ein buch, einen brief. Er rief sie wöchentlich an. Und sie sagte mir: ich bin dir so unendlich dankbar für das, was du getan hast. Auch eine art, die eigene schuld zu vergrössern oder die verantwortung abzugeben. Mir egal....denn ich habe es nicht für sie getan, sondern für mich, weil ich ihn nicht verlieren wollte. Ein bischen egoismus muss auch sein, denn er ist facettenreich und schillernd wie ein Pfau und manchmal weise wie ein uhu, gepaart mit gutem humor. Fazit? Tue das, was du tun musst? Vielleicht....ich weiss noch nicht so genau...ich weiss nur, dass ich mich gut fühle und deshalb richtig gehandelt habe. danke für die möglichkeit, in diesem rahmen andere teilhaben zu lassen und jenen, die im moment die dunkle phase durchmachen, den silberstreifen der wolke zu zeigen.


55
Subject: Leserforum
Date: Mon, 19 Jun 2000 19:49:30 +0200

Hallo,

ich bin letzten Donnerstag aus der Psychiatrie entlassen worden. Jetzt wird mir Fluanxol alle zwei Wochen gespritzt. Ich finde das Medikament wegen der vielen Nebenwirkungen ( ich laufe nur noch rum und kann nichts gescheites tun) nicht sehr gut. Gehen die Nebenwirkungen wieder weg?

2. Frage: Wer kennt Medikamente mit Namen, bei denen man auf alle Fälle an Gewicht zunimmt oder bei denen man gar nicht zunimmt?

Charlotte


54
Subject: Für das Leseforum
Date: Sun, 14 May 2000 08:04:17 +0200

AGENT ORANGE FÜR DIE SEELE

Der Psychotiker hat derzeit wirklich schlechte Karten. Für die Medizin ist er einfach nur krank, für die Gesellschaft einfach nur verrückt. Meist weiss er selber nicht einmal, was er ist. Damit der Aussenstehende begreifen kann, was Psychose bedeutet, muss sich der Beobachter wie ein Emphat in die Psychose einfühlen. Hierzu eine kleine Performence. Der Psychotiker verliert während und auch nach der akuten Psychose sein gewohntes Weltbild. Er erleidet die absolute Infragestellung seiner Identität. Wahrnehmungen, Gedankenmuster, Emotionen, die ihn sein bisheriges Leben begleitet haben, brechen weg. Dafür bekommt er neue Eindrücke, neue Wahrnehmung, neue Emotionen. Alles neu, alles fremd, alles Alte zählt nicht mehr. Er kann sich nicht mehr auf seine alten, bekannten Strukturen zurückziehen. Das vollzieht sich mit einer solchen Wucht, einer grossen Gewalt, dass er überfordert wird. Dazu massive Angst vor dem Neuen, Unbekannten. Eine grosse Verunsicherung setzt ein. Er ist in dieser Situation ganz alleine! Es ist seine Realität. Und die hat Gewicht. Ich glaube nicht, dass der Psychotiker krank ist. Ich glaube, dass er einer unfreiwilligen Genesis seiner Seele unterzogen wird. Es findet eine Revolution in ihm statt. Die Botschaft lautet: "Stop, so nicht mehr. Ich bin satt. Es ist an der Zeit, die Dinge anders zu sehen." Ich denke, langsam ist es an der Zeit, dass die Medizin ihren Elfenbeinturm verlässt und sich einer ihr unangenehmen Diskussion stellt. Was weiss die Medizin über die menschliche Seele? Was weiss die Medizin über die Existenz, die Tiefe, die Facetten und die Entfaltungs-möglichkeiten der menschlichen Seele? Was weiss die Medizin überhaupt über Dinge, die man nicht in Scheiben schneiden und unter das Mikroskop legen kann? Es ist sicher von allen Seiten unumstritten, dass in einer Psychose etwas mit der Seele passiert. Die Seele des Psychotikers tritt in einer akuten Psychose in eine andere Realität ein. Für ihn absolut real. Ich war selber da. In dieser Parallelwelt sammelt er Eindrücke, hat Wahrnehmungen und Emotionen, welche neu, fremdartig und angsteinflössend sind. Früher oder später kehrt er zurück in die allgemeine Realität. In der Regel hat der Psychotiker den Wunsch, sich mit diesen Eindrücken auseinanderzusetzen, diese zu verstehen und in sein Weltbild zu integrieren. Da der Psychotiker auf Wahrnehmungen reagiert, die nur er allein in seiner Realität hatte, stösst er in unserer Realität im Allgemeinen auf Unverständnis. Niemand kann ihn logischerweise nachvollziehen. Warum tut er dies und das? Ohne den entsprechenden Hintergrund kennt niemand die Motive des Psychotikers. Er hat Motive. Ich war dabei. Um seine Seele wieder zusammenzuflicken, braucht er alle Hilfe, die er kriegen kann. Einen scharfen Verstand, einen wachen Geist und brauchbare Emotionen. Und er braucht Menschen, Vertrauen und Geleit. Dann hat er eine faire Chance auf Genesung. Die Medizin sieht das offenbar anders. Der Psychotiker ist krank, halluzinatorisch, schizophren, Stoffwechsel im Eimer. Das die Medizin hier in einen Grenzbereich ihrer Diagnostik kommt, ignoriert sie tapfer. Seele, nee, das wolln wir nich. Seele hat etwas mit Mystik zu tun. Seele ist der Medizin suspekt, sie würde sich auf ungesichertes Terrain begeben. Sie spekuliert lieber. Sie weigert sich, zu lernen. Wissenschaft und Mystik berühren sich im Fall der Psychose. Ich möchte ein Beispiel bringen, über die Methodik der Medizin, veraltete und falsche Weltbilder aus Unwissenheit, Ignoranz und Arroganz zu verteidigen. Sterilität ist eine wissenschaftliche Erkenntnis, welche die Medizin irgendwann im späten Mittelalter erkannt hat. Sie wusste vorher nichts von Sterilität. Irgendwann wurde es zum Problem. Unverständliche Todesfälle. Keiner wusste, weshalb Leute starben. Irgendwann fing irgendwer an, darüber nachzudenken. Später gab es empirische Versuche. Das Problem wurde erkannt, der wissenschaftliche Beweis erbracht, das Problem gelöst. In der Zeit zwischen der Anerkennung des Problems und der Lösung des Problems wurde in der Wissenschaft getötet. Es wurde solange getötet, bis allgemein bekannt und anerkannt war: Sterilität ist wichtig. Schätzungsweise hat es mindestens 50 Jahre gedauert und tausende Menschenleben gekostet, bis die Medizin gelernt hat. Das möchte die Medizin nicht hören. Auch heutzutage nicht. Die Medizin hat wenig bis keine Erkenntnisse über die Seele. Sie spekuliert munter darauf los. Ein Feldversuch am lebenden Objekt. Der Psychotiker als Versuchskaninchen. Das ist ungefähr die Situation des Psychotikers in der Gegenwart. Ich kann von der Medizin nichts fordern. Aber ich kann sie bitten: Hört auf, uns zu quälen. Chemische Totschläger nur im äussersten Notfall, so defensiv als irgend möglich. Vernichtet nicht die Seele bei lebendigem Körper. Die moderne Psychiatrie wird sich wohl outen müssen: Erkennt sie die Existenz der Seele an? Wo wohnt sie? Kann sie ihren Sitz wechseln? Wie funktioniert sie? In welche Ordnung ist sie eingebettet? Kann sie sich verändern? Kann sie sterben? Welchen Beitrag leistet sie zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein? Die Medizin fährt ihren Film. Es wäre schön, wenn sie anfangen würde, zu lernen und zu verstehen. Die Medizin ist zu hart. Viel zu hart. Sie beschützt nicht. Sie geleitet nicht. Die Medizin hat niemanden, der sagen kann, was mit dem Psychotiker passiert. Die Medizin hat zu wenig Zeit. Sie ist viel zu weit weg. Das einzige, was die Medizin hat, ist Psychopharmaka und kein Geld für Emphaten, die den Psychotiker erreichen können.

AMOR        http://www.people.freenet.de/ak71/amor.html


53
Date: Thu, 11 May 2000 13:50:33 +0200
Subject: An das Leserforum

... auf Wunsch wieder gelöscht.


52
Date: Tue, 25 Apr 2000 10:28:59 +0200
Subject: Leserforum

Hallo Leute, also ein gutes Buch ist auch :
W. Treher: Hitler, Steiner Schreber Gäste aus einer anderen Welt

Er beschreibt an hand Rudolf Steiner, Adolf Hitler und Schreber die Symptome und erklärt auch Steiners Werk die Akascha Chronik. Echt eine Lesereise wert.

Walter

Eine weitere Empfehlung von Walter: "Giftige Psychiatrie" von Peter Breggin, eine Kritik an den Neuroleptika.


51
Subject: Leserforum
Date: Sat, 29 Apr 2000 10:28:29 +0200

Hallo Raimund und alle, die hier mal reinsehen,

Du hast mir voll aus der Seele gesprochen. Ich habe noch eine Literaturempfehlung hinzuzufügen.
"Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung" von Sophie Zerchin.

Dorothea Buck, die Mitbegründerin des Bundesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen, beschreibt dort sehr offen und mitfühlend ihre Erlebnisse mit der Psychiatrie der Nazizeit und danach. Es ist ihr Weg zur Heilung einer psychischen Krankheit aus eigener Kraft.

Viele Grüße von Wini.


50
Date: Fri, 28 Apr 2000 09:15:07 +0200
Subject: Psychose

Die Psychose als Traum nach einer erhofften Welt.

Ein Bewußtsein wird von vielen als ein geschlossener Raum ohne Türen und Fenster betrachtet, in dem die Gedanken Schatten an den Wänden sind. Es setzt sich aus allen Inhalten, aus Erfahrung, Vertrauen, Eifersucht, Identität, usw. zusammen. Dies sind Bestandteile, und wenn ich einen Kern erkennen will, muß ich ihm volle Aufmerksamkeit schenken. Eine Erinnerung ist nicht nur in persönlichen Umständen; sie ist verwurzelt in unserem Kulturmuster, in dem auch die Auffassungen, Aktivitäten und verdrängten Inhalte unserer Ahnen enthalten sind.

Das Freiwerden durch aufgeplatzte Knoten gelöster Bedingungen empfinde ich als erhebend und wunderbar lösend. Das EinsSein überflutet mein Bewußtsein, weil EinsSein Grenzen überschreitet. Die Lebensenergie fließt dann stark, und ich fühle mich wohl. Synchronizitäten und Assoziationen begegnen mir aller Orten. Dabei kann ich das Pulsieren des Kosmos spüren. Vorübergehend fühle ich grenzenlose Liebe, fühle mich eins mit der Natur und sehe alles durchstrahlt von einem goldenen Licht, aber all das läßt in seiner Intensität wieder nach. Die Möglichkeit, Verbindung mit dem pathologisch kollektiven Unbewußten zu erhalten, ist dann groß, was dazu führt, daß eine erhöhte Empfänglichkeit für Zeichensprache entsteht. Wenn diese Energie zurückebbt, erscheinen wieder die altenBegrenzungen. Die alten Probleme scheinen noch frustrierender, weil ich einen Zustand geschaut habe, der bestehen könnte, wenn das Leben frei von ihnen wäre. Ich kann erwachen und irrtümlicherweise glauben, was ich in blitzartiger Ahnung geschaut habe, sei bereits manifestierte Wirklichkeit. Ich hatte dies Erlebnis und denke vielleicht: "Gut, jetzt sind alle meine Probleme gelöst. Alle Möglichkeiten stehen mir offen, ich bin endlich frei und angekommen." Leider wird mir schon bald klar, daß dies erst ein Anfang ist. Ich bin eben noch nicht da. Manchmal erlebe ich große Schwierigkeiten, dieses Fließen von Lebensenergie aufzunehmen. Mein Nervensystem kann verwirrt werden und unter dem Zuviel an dieser Energie zusammenbrechen. Manchmal höre ich aus dem Unbewußten Stimmen oder habe Visionen, die ich nicht deuten kann. Unter Umständen können meine unbewußten Vorstellungen sich organisieren, können eine Selbständigkeit gegenüber dem Bewußten gewinnen, so daß beide Erleben als zwei getrennte Ströme nebeneinander erscheinen. Es kann ein Schub von Lebensenergie in meiner Persönlichkeit neue Formen auslösen. Das Erleben kann zu Empfindungen von Größe führen, die unter Umständen mit ungelösten kleinkindlichen Gedanken über diese Allmacht durcheinandergebracht werden. Zum Beispiel: Der Mittelpunkt eines allumfassenden Planes zu sein. Der Drang zum Erleben dieses grundsätzlichen EinsSein (die Suche nach Liebe) hat seine gefährlichen Seiten. Der Drogen- oder Alkoholrausch kann mir für kurze Zeit die Illusion des EinsSein vermitteln - zumindest führt er dazu, daß ich über meine Grenzen nicht mehr im klaren bin, was mir vielleicht ein Gefühl der Freiheit verschafft.

Psychosen und Träume sind ein Ursprung zur Heilung. Psychose als eine Befreiung von Bedingungen, als einen Neuanfang, im Selbstfindungs- und Selbstheilungsprozeß zu erfahren, wird als solches nicht verstanden. Stattdessen werden von Psychiatern Diagnosen erfunden, welche mit den Mitteln der Neuroleptika bekämpft werden sollen. Von den Neuroleptika mit ihren schädlichen Nebenwirkungen wird keine Ursache für mein Erleben verändert, aber meine Lebensgefühle abgetötet. Anstatt die Psychose zu erleben und durchzuarbeiten, wird sie chronisch. Die bisherige aus der Organmedizin übernommene Beobachtung meines von der Norm abweichenden Verhaltens und meiner Symptome entwertet mich zu einem beobachteten und behandelten Objekt. Die in der Regel nur medikamentöse Symptomverdrängung zwingt mich dazu, mein Erleben als nur "krank" von mir selber abzuspalten und verunsichert zu bleiben, bis es erneut aufbricht und mein Selbstvertrauen weiter untergräbt. Meine erkrankte Seele hat ebenso wie der körperlich Kranke ein Recht auf Heilung und nicht nur auf eine Symptomverdrängung mit oft irreversiblen Schäden als Nebenwirkungen. Ich fordere eine subjektorientiert-empirische Psychiatrie, die von meiner Erfahrung als Patient und meinem Erleben im Zusammenhang mit meiner Lebensgeschichte ausgeht, die meine Bedürfnisse berücksichtigt und Hilfe zur Verarbeitung meines Erlebens anbietet: z. B. lernen, in Gesprächen darüber zu reflektieren. Einfühlen und Verstehen im Zusammenhang mit Erreichbarkeit, das ist es was mir weiterhilft.

Diese Initiative möchte dazu beitragen, daß die Psychiatrie öffentlich wird und die Verzerrung in den herrschenden Medien aufhört. Die Verdrängung von Straftaten wie Mißhandlung, Mißbrauch und Verwahrlosung sowie psychische Gewalt durch unsere Angehörigen muß beendet werden, da sie unter anderem oft zu einer Psychiatrisierung führt.

Raimund M.        http://www.people.freenet.de/ak71/psychose.html


49
Subject: Stichwort: "Leserforum"
Date: Sun, 23 Apr 2000 12:38:32 +0200

... auf Wunsch wieder gelöscht ...


48
Subject: Leserforum
Date: Thu, 20 Apr 2000 20:20:54 +0200

Hallo Marla,

das Zyprexa ist, wie alle Psychopharmaka, kein Heilmittel und kann nur Symptome lindern. Die Krise kann sich sowohl mit als auch ohne Medikamente wiederholen. Das ist sicher kein Trost, aber wenn man hinter den Sinn dieser "Erkrankung" kommt, kann man sie eher in den Griff bekommen, als wenn man sich nur mit den Medikamenten und anderen Tricks davon entfernt. Ich habe selbst mit einer Psychose zu tun gehabt.
Hier noch einen Tip:
Es gib eine Mailingliste zu einem virtuellen Psychoseseminar auf der Seite www.psychiatrie.de. Das ist sehr informativ.

Gruß Wini.


47
Subject: Leserforum
Date: Mon, 17 Apr 2000 23:26:33 +0200

Hallo,

ich lebe mit meinem Bruder zusammen, der seit 2 1/2 Jahren an einer schizophrenen Psychose leidet. Seit er das Medikament "Zyprexa" bekommt, geht es ihm phantastisch.
Vor kurzem hat er aber leider angedeutet, daß er das Medikament absetzen möchte. Wie kann ich ihm das ausreden?
Er hat bereits 2 Rückfälle nach absetzen von Medikamenten und außerdem schon 2 Klinikaufenthalte hinter sich. Ich möchte nicht, daß er sich die Chance, die er hat, nämlich mit der Krankheit zu leben, kaputt macht. Außerdem habe ich auch Angst um meinen Sohn, wenn es meinem Bruder schlechter geht. Er war gerade gegen Kinder sehr aggressiv.
Es wäre schön, wenn mir jemand ein Statement geben könnte.

Marla


46
Date: Fri, 14 Apr 2000 04:03:17 EDT
Subject: Leserforum

Hallo, mein Name ist Christoph
seit ca. 2 Jahren habe ich diese "Krankheit", war 2 Mal in der Klinik und habe einmal einen Schub mit Medikamenten alleine abfangen können. Zum Thema Medikamente kann ich sagen, daß ich mich mit Solian (ziehmlich neu und ziehmlich teuer) das erste Mal nicht mehr wie unter einer Käseglocke fühle. Es läßt einen frei.

Zum Thema Psychose möchte ich einige Fragen in den Raum stellen. Merkwürdig ist doch das Gefühl, daß etwas von außen auf einen einwirkt. Wer sagt eigentlich, daß von außen nichts wirkt. Wer weiß das denn so genau. Es heißt immer, man müsse sich mit der Krankheit abfinden um sie zu heilen. In meinem Fall (3 Hochphasen -momentan ruhig) muß ich sagen, daß es mir sehr schwer fällt zu glauben, daß nichts von außen gewirkt hat. Die Erlebnisse waren so, daß ich mir einbilde sie könnten nicht von mir selbst sein. Das akzeptieren eines eventuellen äußeren Einflusses treibt einen sofort in das Thema Religion. Woher sonst könnte eine äußere Macht kommen? Millionen Menschen glauben fest an einen Gott. Hätte dieser die Möglichkeit von außen eine Psychose auszulösen? Egal zu welchem Zweck. Wenn es ihn gibt denke ich schon. Ein Bekannter äußerte einmal die Theorie über seine ebenso erkrankte Frau: "Die Äußerungen, die sie macht sind erschreckend wahr, so daß ich manchmal glaube, sie ist uns in der Evolution einige Schritte voraus.

Als damals Fische an Land gingen und teilweise sicher jämmerlich erstickten, haben sie die anderen Fische sicher auch für absolut verrückt gehalten. Und dennoch war es ein wichtiger Schritt in der Evolution." Theorien kann man sich viele zurechtlegen. Niemand weiß etwas Genaues im Bereich der psychischen Erkrankungen und deswegen sollte man auch nicht eine absolute Meinung vertreten. Ich persönlich halte alles für möglich und bastle an einem für mich akzeptablen Weltbild, das wohl jeder, bewußt oder unbewußt in sich trägt. Es ist schade, daß diese Krankheit für die Umwelt so erschreckend ist. Für mich selbst war es eigentlich gar nicht so schlimm. Eher interessant. Aber um am täglichen Leben teilzunehmen, ist es unbedingt erforderlich die Medikamente zu nehmen.

So, nun genug geschwafelt
Ich finde es toll, daß zu diesem Thema ein Forum existiert.
Grüße und gute Besserung an alle

Christoph


45
Subject: Forum
Date: Sun, 6 Feb 2000 11:13:39 +0100

Hallo Bodo,

hab mal wieder ins Leserforum geschaut:

Zu Stefan Nr 40.
Klasse, Deine Meinung! Ich fand den Titel der Sendung auch irgendwie voellig daneben. Ich fuehle mich ueberhaupt nicht einsam!!! Ich lebe mein Leben wie bisher weiter. Ja, die Zeit des Krankenhausaufenthaltes und ein paar Wochen danach macht einenem deutlich wie es um einen steht. Aber auch da hatte ich Krankenbesuch von der Familie, Freunden wie bei jeder anderen Krankheit auch. Ich fuehle mich jetzt nach 2 Jahren, ohne Medikamente wieder gesund. Natuerlich hat man Angst vor einem Rueckfall, aber trotzdem geht das Leben weiter. Gut ich muss nicht allen von meiner Krankheit erzaehlen - macht man ja bei anderen Krankheiten auch nicht gleich beim ersten Kennenlernen.

Gruesse von Susanne


44
Subject: leserforum
Date: Thu, 20 Jan 2000 23:40:47 +0100

Zu Beitrag Nr. 41

Schön, daß Du gleich am 1. Januar an mich gedacht hast. Wie Du siehst, habe ich auch an Dich gedacht und nachgesehen, ob Dir nicht irgendeine Bemerkung eingefallen ist.

Ja, ja, da warnen IT - Experten im ganz großen Stil vor dem globalen Computer - Crash und dann passiert um die große, weite Welt rein gar nichts, außer daß im Radio ein entlaufener Hund zum vorrangigen Y2K - Problem wird.

Irgendetwas wird schon gewesen sein. Wenn nichts gewesen wäre, hätte ich auch nichts darüber geschrieben. Irgendetwas oder Irgendjemand muß mich schon ausreichend sticheln, bevor ich mich mal bequeme, etwas zu schreiben.

Im August war auch noch das Risiko einer Kaufpanik, das manche so hysterisch gemacht hat, daß sie überall im Volk Hysterie wahrgenommen haben, wo keine war und jeder der mal seiner Oma ein paar Vorräte empfohlen hat, gleich zur Staatsbedrohung Nr. 1 geworden ist. Ich habe nie so oft den Begriff "Hysterie" gehört und gelesen, wie vor dem Datumswechsel.

Nun, da auch die Banker wissen, daß sie ihre Stromaggregate unnötig angeschafft haben, werden diejenigen, die immer schon gewußt haben, daß nie etwas passieren kann, was nicht in ihren Erfahrungshorizont paßt, von Häme umgetrieben. Manche wurden auch schon von der Sorge umgetrieben, was wohl die Y2K - Vorsorger jetzt mit ihren Vorräten machen.

Tja, falls nun der Eiernudelpreis von 49Pf/500g auf 25Pf/500g fällt, noch bevor ich meine Vorräte aufgebraucht habe, werde ich wohl Verlust machen. Aber damit kann ich problemlos leben und ich habe es noch nicht einmal eilig, sie aufzubrauchen. Andersherum hätte ich ohne Vorräte bei leeren Regalen nicht so gut gelebt.

Was meinen Y2K - Beitrag angeht, halte ich es wie die Analysten an den Börsen: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern !!! Das braucht mich auch gar nicht zu interessieren, weil Schizophrene nach der Wissenschaft der Psychiater sowieso Schwierigkeiten haben, eine übergreifende Einstellung aufrechtzuerhalten.

Gruß Melanie

PS: Es wird hier ziemlich viel Werbung für Bücher betrieben, was eigentlich verwunderlich ist, zumal dem Psychiater Andreoti mal ein Buch vom Verlag abgelehnt worden sein soll, mit der Begründung "Schizophrene lesen nicht".

Leider habe ich nicht die Zeit, alle Bücher zu lesen, die es auf dem Markt gibt, und mein Hirn hat auch gar nicht die Kapazität, sie adäquat zu verarbeiten. Der Titel "Psychopharmaka absetzen" spricht mich auch nicht an, weil ich nichts habe, was ich absetzen könnte. Ist das ein Buch für psychisch Kranke? Dann kann ich nicht damit gemeint sein. Manche bestehen ja auf die Bezeichnung "psychisch krank" als lebenslängliches Identitätsmerkmal. Oder als Vereinsname. Es soll ja sogar eine "Aktion Psychisch Kranke" geben.

Etwas zweifelhaft finde ich, daß Du in einer Zivilisation von Schnüfflern, in der keiner mehr seine Grenzen kennt und weiß, wo die Bereiche anderer anfangen, dazu aufforderst, Psychoseerlebnisse im Netz auszubreiten. Das ist auch gar nicht notwendig, weil jeder Interessierte auf dem Büchermarkt tonnenweise Material darüber finden kann - statistisch ausgewertet und wissenschaftlich sauber aufbereitet.


43
Subject: Leserforum
Date: Fri, 14 Jan 2000 21:41:18 +0100

Für Stephan (Nr.:39) und alle, die es noch interessiert,
ich bin selbst Betroffener und kann nur meine eigenen Erfahrungen weitergeben. Mit Ratschlägen möchte ich mich zurückhalten (Ratschläge sind auch Schläge). Ich habe selbst einige Jahre Psychopharmaka verschiedenster Art zu mir genommen, weil es mir schlecht ging. Meine seelischen Probleme konnten aber mit diesen Medikamenten nicht behoben werden. Ich würde aber auf die beschwichtigenden Hinweise eines Arztes nicht allzuviel Wert legen, denn eine Psychose kann auch mit Medikamenteneinnahme wieder ausbrechen. Bei mir war es so. Schlimmer ist das mit der Angst vor diesem Zustand. Vielleicht kann man diese etwas reduzieren, wenn man versucht, an sich zu arbeiten. Am besten selbständig oder, wenn das noch nicht möglich ist, die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen. Ansonsten möchte ich es mit Helen Keller belassen, die einmal gesagt haben soll:
"Sicherheit ist im Grunde Aberglaube. Es gibt sie weder in der Natur noch für die Menschen im allgemeinen. Der Gefahr aus dem Wege gehen zu wollen ist letztlich nicht sicherer, als sich ihr einfach auszusetzen. Das Leben ist entweder ein gewagtes Abenteuer oder gar nichts."
Ich habe auch schon früher einmal in Bodos erstem Forum (Nr.: 5 Wini) meine Gedanken über meinen Umgang mit meiner Psychose und ihrem Sinn dargelegt. Wer sich dafür interessiert, kann dort nachlesen. Mir geht es übrigens immer noch gut, ohne Medikamente. Ob ich morgen wieder in solch einen schwierigen Zustand komme, weiß ich aber deshalb nicht. Aber Angst davor zu haben, würde mich in meinem Leben ziemlich einengen. Also versuche ich mein Leben so zu gestalten, daß ich Freude am Heute habe. In diesem Sinne wünsche ich allen Menschen einen guten Übergang in das Jahr 2000 und natürlich auch für das weitere Leben.

Gruß Wini.   winiw@gmx.de


42
Date: Wed, 5 Jan 2000 20:14:47 +0100 (MET)
Subject: Leserforum

Hallo,

ich war zwar selber nicht ganz verrückt, es hätte aber nicht viel gefehlt. Ich meine, mich nur an den Grenzen der Verrücktheit entlang bewegt zu haben, nicht ganz verrückt geworden zu sein, weil ich die aufbrechenden Wahrnehmungen und Empfindungen wenigstens in Bruchteilen verstehen und zuordnen konnte. Hätte ich dies nicht mehr gekonnt, meine ich, hätte ich die Balance nicht mehr halten können.
Ich habe die Zuschriften im Leserforum durchgelesen und es scheint, als ob ausnahmslos alle die unglaubliche Situation akzeptieren, dass sie eben verrückt werden mussten. Wie selbstverständlich wird die Verrücktheit auf den eigenen Buckel geladen und damit erklärt, dass das Gehirn die einstürmenden Eindrücke eben nicht mehr adäquat verarbeiten konnte und deshalb durchknallen musste. Und ebenso logisch ist es dann, mit irgendwelchen Medikamenten der Verrücktheit Paroli bieten zu wollen. Ich weiß zwar auch, dass Medikamente nützlich und hilfreich sind, um die akute unerträgliche Situation in den Griff zu bekommen, denke aber, dass die Mediziner größtenteils ihre Hilflosigkeit oder auch Ignoranz tatsächlich mit dem puren Verschreiben von Medikamenten zudecken und mit dem Verschwinden der von außen erkennbaren Symptome ihre Kompetenz für beendet erklären.
Dass Verrücktheit nicht zufällig und unerklärlich, unbegreifbar ist, sondern in ihrer Entwicklung geradezu logisch erscheint, in ein familiäres Umfeld passt, zutiefst mit den eigenen Wirklichkeiten zu tun hat, ist für mich heute sonnenklar. Zu erkennen, dass die eigene Wirklichkeit relativ ist, bedingt ist, meist unerkennbar mit familiären Wirklichkeiten verwoben ist, fiel nicht leicht, sollte verdrängt werden, erwies sich aber als ungeheuer befreiend, erleichternd, erlösend. Für mich wurde erst durch die unendliche Mühe, meine Empfindungen und Wirklichkeiten mit Hilfe des für mich besten Therapeuten zu klären, der Weg aus den Bereichen der Verrücktheit möglich. Dass es auch Mediziner gibt, die sich nicht hinter ihrer Hilflosigkeit verbarrikadieren, die versuchen Verrücktheit, mir gefällt Verrücktheit besser als Psychose, zu verstehen und logisch zu erklären, kann man nachlesen.

Fritz B. Simon: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich.
Zur Selbstorganisation der Verrücktheit. Carl Auer Verlag, 1997

Grüße


41
Date: Sat, 1 Jan 2000 11:57:04 +0100
Subject: Leserforum

Hallo liebe Mitmenschen!

Ich wünsche Euch ein wunderschönes neues Jahrtausend ! Vor allem wünsche ich uns allen wenig krank sein, aber was heißt schon krank sein ?!

Ein besonderer Gruß geht an Melanie, ich hoffe Du hast die nicht eingetretenen Y-2000-Katastrophen mit Fassung getragen.
Zum Schluß noch ein Buchtip, auch für alle, die weiterhin Medikamente nehmen: "Psychopharmaka absetzen" aus dem Peter Lehmann Antipsychiatrie-Verlag ISBN 3-925931-12-0
Dieses Buch gibt mir viel Kraft im Umgang mit der Diagnose 'psychisch krank'.

Viele Grüße - Jana

PS: Diese e-mail wurde mit einem alten, aber dennoch Y-2000 fähigen Computer erstellt.

Auch von mir für die Leser alles Gute zum Jahr 2000. Wer interessante und mitteilenswerte Psychose-Erfahrungen hat, soll sich ruhig trauen, dies hier (in anonymisierter Form) der deutschsprachigen Weltöffentlichkeit mitzuteilen.
Ansonsten fällt mir zum Jahr 2000 nur ein, daß ich jetzt im Datum nur 00 schreiben kann. Das scheint mir irgendwie nichtssagend, dann schon lieber die Langform 01.01.2000 !!!


40
Date: Sun, 26 Dec 1999 13:47:55 GMT
Subject: Message from the Internet

Zu Beitrag Nr. 35:

Hallo, Jeanette !

Mit Eurem Beitrag in Bodo´s Forum am 20.10.99 habt Ihr wohl "voll in die Scheisse gegriffen", wenn ich das mal so einfach schreiben darf.

Schon allein der Titel "Krankheiten, die einsam machen" ist ist ein Angriff auf die Persönlichkeit der Betroffen.

Es ist nämlich so, dass Schizophrenien, wenn sie behandelt wurden, überhaupt nicht mehr zu erkennen sind. Man könnte Euch hundert Personen hinstellen, von denen achzig krank waren, ihr würdet nicht eine erkennen. Da man eine behandelte Schizophrenie nicht mehr erkennen kann, leiden die betroffenen auch nicht unter Einsamkeit. Sie müssen sich lediglich hüten, den falschen Leuten von ihrer Krankheit zu erzählen. Hoffentlich hat niemand den Fehler gemacht, und sich bei Euch gemeldet, um öffentlich in ein ach so geliebtes Klischee gepresst zu werden.

Wie gesagt: Schon allein Eure Titelwahl lässt tief blicken...

Viel Grüsse

Stephan


39
Subject: Leseforum
Date: Tue, 14 Dec 1999 21:12:18 +0100

Hallo, ich heiße Stephan

vor 4 Jahren bin ich zum ersten mal an einer Psychose erkrankt. Hin und wieder habe ich noch paranoide Gedankengänge, die aber meistens nicht sehr lange vorhalten.
Seit dem Ausbruch meiner Krankheit nehme ich Medikament (z.Z. Zyprexa), ich schlucke die Pillen in der Hoffnung nicht mehr krank zu werden bzw. nicht mehr in die Psychatrie zu müssen. Vor kurzem habe ich gehört das es keinen 100% Schutz vor einem erneuten Krankheitsausbruch gibt.
Mein Arzt meint es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.
Was habt Ihr für Erfahrungen gemacht?

Stephan

(noch ein Stephan)


38
Date: Fri, 19 Nov 1999 01:19:54 +0100
Subject: Leserforum

Zu Nr. 36:

Hallo, Susanne!

Ich habe vor kurzem ein solches neues Medikament verschrieben bekommen. Das Medikament ist extrem gut. Ich habe seit der Umstellung auf dieses Mittel absolut keine Nebenwirkungen mehr ! Der Kopf ist endlich wieder klar und frei und auch frei von psychotischen Gedankengängen. Die Müdigkeit ist weg und auch die Gewichtszunahme ist sehr gering. Anfangs waren da Kopfschmerzen, aber die sind auch weggegangen. Das Mittel heisst "Risperdal". Wer damit ebenfalls Erfahrungen gemacht hat, schreibe mir doch mal.

Viele Grüsse, Stephan.Mischnick@t-online.de


37
Date: Wed, 10 Nov 1999 12:04:56 +0100
Subject: Leserforum

Zu Nr. 31
Hallo Stephan,
die Erfahrung mit dem Arztbesuch habe ich auch gemacht. Trotzdem will ich immer meine "Psychose-filme" wie ich sie bezeichne, erzählen. Kann man sie deuten lassen? Meine 3. Klinikaufenthalt liegt 3 Jahre zurück. Seit dem habe ich so alle 4-5 Monate einen psychotischen Traum nachts ,wache auf und bin erschreckt. Sonst bin ich derzeit Medikamentenfrei.

Wer hat auch Psychose-träume?
Susanne


36
Date: Wed, 10 Nov 1999 11:51:56 +0100
Subject: Leserforum

Lesetip!
Im Focus 30/1999 war ein Beitrag über neue Medikamente und die Verschreibungsunwilligkeit der Ärtzte (zu teuer ! - Ich hatte auch einen Spruch von meinem Arzt dazu gehört! Ich sage dazu nur eins: billiger als ein Klinikaufenthalt auf alle Fälle!!) In der Klinik habe ich bei der 3. Psychose "Zyprexa" bekommen und es ging mir besser als mit den anderen Medikamenten. Gearbeitet wird noch an der Gewichtszunahme. Aber die war mir nicht so wichtig, wichtig war mir ein klarer Kopf. Z.z. nehme ich nichts mehr weil ich meinen 5 Monate alten Sohn stille.

Susanne


35
Subject: Suchen Schizophrene fürs Fernsehen!
Date: Wed, 20 Oct 1999 15:31:32 GMT

Hallo!
Wir sind eine TV-Produktionsfirma und wir suchen Schizophrene, die bereit sind, im Fernsehen über ihre Krankheit zu sprechen. Wenn es jemanden gibt, der diese Mail hier liest, und sich angesprochen fühlt, sollte er sich per Mail unter jeanettem60@hotmail.com oder per Telefon 0331-7214169 melden.
Vielen Dank und liebe Grüße
Jeanette

(Aufzeichnungstermin für die Sendung: Sonntag, den 31.10.99 - Thema: "Krankheiten, die einsam machen")

Also, ich persönlich würde mich nicht im Fernsehen als schizophren präsentieren. Aber vielleicht gibt es ja jemanden, der den Mut dazu hat. Empfehlen kann man das nicht. Mein Vorschlag für eine Sendung oder Film wäre: "Schizophrenie - Wahnsinn in der Wirklichkeit"


34
Date: Wed, 29 Sep 99 18:46 +0200
Subject: Leserforum

Hallo Melanie,
meine Bemerkung pompös bezog sich auf die Länge Deines Y2000-Artikels, die dazu geführt hat, daß das Leserforum erst nach mehreren Minuten vollständig geladen war. Deshalb haben wir jetzt wohl auch ein neues :-)
Zu Deinem Mehlproblem, was tue ich mit Mehl ohne andere haltbare Zutaten, möchte ich Dir zu bedenken geben, daß zum einen Mehlkleister eine Alternative bildet. Da kann man dann nette Sparschweine mit Zeitungsschnipseln und einem Lufballon basteln und vertreibt sich so die Zeit, bis das Y2000-Problem sich durch das Erreichen der Datumsgrenze erledigt hat :-) Eine andere Möglichkeit ist, Kuchenteig herzustellen. Dazu braucht man dann Eier, aber da die freilaufenden Hühner nicht an Fütterung durch Computer gebunden sind und selbstständige Bauern sicher kein Y2000-Problem haben, kann man diese sicher beim Erzeuger kaufen gehen, falls der Supermarkt keine mehr hat. Außerdem findet der Jahrtausendwechsel in der kalten Jahreszeit statt, so daß die Kühlung diverser Lebensmittel auch im Falle eines Stromausfalls kein Problem sein dürfte. Und die Computer haben auch ohne das Y2000-Problem genügend andere Mängel aufzuweisen. Ich habe vorgestern Nacht versucht aus Winword ein Inhaltsverzeichnis zu drucken. Da sind nach Absenden des Druckbefehls immer die Seitenzahlen auf 4 gesprungen. Zum Glück hatte ich nach 3 h die rettende Idee, das Verzeichnis in eine Extradatei zu kopieren und diese auszudrucken. Ich war nahe dran, wieder an eine Verschwörung finsterer Mächte zu glauben. Aber das hätte durch eine Erhöhung der Medikamente auch nicht verhindert werden können und vor allem hätte es das Problem nicht gelöst.

Zum Abschluß möchte ich noch auf die folgende Internetseite aufmerksam machen:
http://www.fu-berlin.de/wahnsinn/psyerfah/Frank/02krankheitsbegriff.htm
Ich stimme mit der dort vertretenen Meinung überein.

Viele Grüße an alle von Jana


33
Subject: Leserforum
Date: Mon, 20 Sep 1999 19:32:38 +0200

Melanies Antwort zum Jahr-2000-Problem - (auf ihren Wunsch wieder gelöscht)



... weitere Artikel auf www.pahaschi.de Vielen Dank an Markus für die Unterstützung!




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