Neuroleptika
Dosis, Nebenwirkungen und Reduzierung


Allgemeine Bemerkungen

Neuroleptika werden vor allem zur Behandlungen von psychischen Krankheiten eingesetzt. Sie sollen den Patienten beruhigen und zu einer größeren Stresstoleranz beitragen. Viele Betroffene sind im Laufe ihres Lebens zu empfindlich gegenüber Umweltreizen geworden und benötigen mit dieser Medikation ein "dickeres Fell" auf chemischer Grundlage. Neuroleptika werden aber auch in der Altenpflege und in der Tierhaltung eingesetzt, eine Praxis, die kritisch gesehen werden muss.

Welches Medikament ein Patient verordnet bekommt, entscheidet der Arzt. Oft müssen mehrere Versuche gemacht werden, damit man das passende Mittel findet. Die Verträglichkeit ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, da der Körperstoffwechsel auch individuell verschieden ist.

Da die Nebenwirkungen der Stoffe zum Teil erheblich sind und das Leben und das Wohlbefinden stark beeinträchtigen, sollte man: erstens das geeignete Mittel für sich finden, und zweitens nur eine geringstmögliche Dosis einnehmen - die sogenannte Erhaltungsdosis, die die Stabilität im normalen Alltag ermöglicht.

Bei auftretenden oder absehbaren (Stress-)Belastungen, die über das normale Maß hinausgehen, empfiehlt es sich, die Medikation kurzzeitig zu erhöhen.

Um die minimale Erhaltungsdosis herauszufinden, darf das Neuroleptikum nur langsam, in Absprache mit dem Arzt, reduziert werden, um unangenehme Absetzsymptome zu vermeiden. Zur Vorgehensweise siehe folgende Kapitel ...


Dosis und Nebenwirkungen

Hier sehen Sie eine Tabelle mit häufig verschriebenen Substanzen. Der erste Name ist der Wirkstoff, gefolgt von einem gängigen Markennamen. Die angegebene tägliche Dosis in mg ist nur ein allgemeiner Richtwert. Die Halbwertzeit (in Stunden) sagt aus, wieviel Zeit der Körper benötigt, die Hälfte des eingenommenen Mittels wieder auszuscheiden.


Medikament tägl. Dosis in mg Halbwertzeit in h Häuf. Nebenwirkungen
Lithiumcarbonat - Hypnorex 1000 24 Nierenschädigung
Amisulprid - Solian 200 12 Bewegungsstörungen, sexuelle Störungen
Aripiprazol - Abilify 5 75 Unruhe, hoher Puls
Clozapin - Leponex 300 12 Sedierung, niedr. Blutdruck, Gewichtszunahme
Flupentixol - Fluanxol 1,5 34 verminderte Nasenatmung, Mundtrockenheit
Fluphenazin - Dapotum 3 38 Unwillkürliche Bewegungen
Haloperidol - Haldol 2 24 Unwillkürliche Bewegungen, Angst
Levomepromazin - Neurocil 200 20 Sedierung
Olanzapin - Zyprexa 5 40 Gewichtszunahme, Diabetes
Perazin - Taxilan 100 35 Müdigkeit
Perphenazin - Decentan 15 24 Bewegungsstörungen, Sedierung
Quetiapin - Seroquel prolong 200 7 Müdigkeit, niedr. Blutdruck, Gewichtszunahme
Risperidon - Risperdal 2 24 Unruhe, Zittern
Sertindol - Serdolect 10 72 verstopfte Nase, sexuelle Störungen
Sulpirid - Dogmatil 600 7 Sedierung
Thioridazin - Melleretten 150 10 Sedierung, sexuelle Störungen
Ziprasidon - Zeldox 60 7 Müdigkeit, Gewichtszunahme


Man unterscheidet generell zwischen hochpotenten und niederpotenten Neuroleptika. Bei hochpotenten Mitteln reichen nur wenige Milligramm aus, um eine (antipsychotische) Wirkung zu erzielen. Typische Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit und extrapyramidale Bewegungsstörungen. Die niederpotenten Neuroleptika müssen höher dosiert werden und wirken vor allem sedativ: Man wird müde, interessen- und lustlos.

Die Sedierung kann unter Umständen eine erwünschte Wirkung sein, gerade bei Patienten/innen, die erregt und aggressiv sind. Deswegen werden die NL auch bei bipolaren Erkrankungen verschrieben. Bewegungsstörungen durch hochpotente NL können soweit gehen, dass unwillkürliche Krämpfe die Mimik verzerren (Haloperidol) oder dass irreversible Zuckungen an Armen und Beinen auftreten. Sedierende Medikamente verringern auch die sexuelle Lust, bis hin zur völligen Impotenz.

Das Lithiumcarbonat ist ein Phasenprophylaktikum bei bipolarer oder schizoaffektiver Erkrankung und es ist eigentlich ein giftiges Salz. Es muss genau dosiert werden, mit ständiger Blutüberwachung. Häufig treten nach jahrelanger Einnahme Nierenschäden auf. Ansonsten hat es eine sehr gute Wirkung bezüglich der Reduzierung der depressiv-manischen Phasen des Patienten.

Die Unterscheidung zwischen klassischen Neuroleptika und sogenannten "besseren" atypischen NL, wie sie noch vor Jahren (vor allem von der Pharmaindustrie) propagiert wurde, kann so nicht mehr aufrechterhalten werden. Zum einen war es natürlich reines Marketing, um die Gewinnmargen der Psychopharmaka-Sparte nach oben zu pushen; zum anderen gibt es durchaus extrapyramidale Nebenwirkungen (Risperdal) sowie schwerwiegende andere Komplikationen (Zyprexa: Diabetes), um nur einige zu nennen.


Reduzierung der Dosis

Um die richtige Dosis für sich herauszufinden, sollte die Milligramm-Zahl des eingenommenen Mittels langsam reduziert werden:

Faustregel:
10 Prozent Reduktion + 6 Wochen Stabilisierungsphase auf dieser Stufe

Wenn alles glatt geht, kann man um weitere 10 Prozent verringern. Man wird dann bald merken, ob die Verringerung der lästigen Nebenwirkungen mehr Lebensgewinn bringt als das vermehrte Auftreten von Positivsymptomen (der Krankheit) das Befinden wiederum beeinträchtigt. Da gilt es, eine gute Balance zu finden. Idealerweise sollte ein Arzt oder ein Psychotherapeut eine solche Reduktion begleiten, denn ein Krankheits-Rezidiv (Rückfall) kann nicht ausgeschlossen werden. In diesem Falle weiß man dann definitiv, bei welcher Dosis Stopp gemacht werden muss.

Bei der Medikamenten-Reduktion gibt es eine naturgegebene Schwierigkeit zu meistern: die verfügbaren Prärarate mit ihren Milligrammzahlen. Hier ist (ein bisschen) Mathematik vonnöten.

1. Beispiel: Ein Patient nimmt 3 mg Fluanxol pro Tag ein. Die Einnahme sieht folgendermaßen aus: 2mg / - / 2x 0,5mg (morgens/mittags/abends). Der Patient, sagt sich, lässt am Abend 1x 0,5mg weg. Etwas anders geben seine verfügbaren Medikamente nicht her. Wir erhalten nun folgende Reduzierung, siehe Abb. 1.

Abbildung 1:
Reduzierung von 3mg auf 2,5 mg (Fluanxol)

Durch die Halbwertzeit von 34 h befindet sich der stabile Blutspiegel des Mittels ausgangs nicht bei 3mg, sondern bei 8,5mg - siehe die blauen Balken in obiger Abbildung. Je größer die Halbwertzeit eines Medikaments ist, desto längere Zeit braucht es, bis sich der Blutspiegel auf einem (viel) höherem Niveau einpendelt. Die vorgeschlagene Reduzierung führt zu einem stabilen Spiegel von ca. 7mg (rote Balken) - das ist nach Adam Riese aber schon eine Reduzierung um 18 Prozent! Das könnte schon zuviel sein.

Was kann man tun? Durch die hohe Halbwertzeit bleibt der Blutspiegel relativ stabil, auch sogar, wenn man mal eine Einnahme vergessen hat. So kann die Einnahme auch problemlos im Wechsel erfolgen, nämlich:
2mg / - / 0,5mg (1. Tag) und 2mg / - / 2x 0,5mg (2. Tag) - das sind im Schnitt 2,75 mg täglich.

Dadurch erreicht man einen Wirkstoffspiegel von ca. 7,8mg und das führt bei einem Ausgangswert von 8,5mg zu einer Reduktion um ungefähr 9 Prozent. Voila!

Auf diese Weise kann man sich vortasten ... Bei Einnahme von mehreren NL sollte man mit der Reduktion nur eines Medikaments beginnen, und zwar demjenigen, auf das man am ehesten verzichten kann.

2. Beispiel: Die eher sedierenden Medikamente haben in der Regel eine kurze Halbwertzeit, d.h. solche Wechsel-Einnahmen sind hier nicht angesagt. Wenn eine Einnahme vergessen wird, ist der Blutspiegel am nächsten Tag "ganz unten" - siehe Abbildung 2:

Abbildung 2:
Absetzen von 400mg Seroquel auf 0 mg

Also muss täglich die passgenaue Dosis eingenommen werden. Durch vermehrte Einnahme von Dragees oder Tabletten mit niedriger mg-Zahl kann dies erreicht werden:

Von 600mg Seroquel sollen 10 Prozent reduziert werden: das sind 60mg. Ziel ist also eine Verringerung auf ca. 550mg. Es stehen Dosierungen von 400mg, 300mg, 200mg und 50mg zur Verfügung - eine Bandbreite von unterschiedlichen Schachteln, die wahrscheinlich kein Arzt, wenn er vernünftig haushalten will, einem Patienten verschreibt. Angenommen, der oder die Patientin hat zu Hause 400mg, 200mg und 50 mg Seroquel. Um die 550mg zu bekommen, muss 2x 200mg und 3x 50mg oder 400mg und 3x 50mg Seroquel eingenommen werden. Und zwar abends, weil man davon sehr schnell müde wird ... Und wie gesagt: Dann erst einmal 6 Wochen abwarten, ob man auf diese Weise stabil bleibt!

Wenn man schon Jahre oder Jahrzehnte ein Neuroleptikum einnimmt, muss und sollte man mit der Reduktion keine Eile haben. Eine langsame Reduzierung, die gut auch ein Jahr dauern kann, ist hier angebracht. Noch ein Tipp: Beginnen Sie mit der Reduktion nur in einer ruhigen Phase ihres Lebens; mitten in Prüfungen, Bewerbungen oder Hoch-Zeiten sollten Sie lieber darauf verzichten.

Kritische Anmerkungen

Kaum ein Patient, der akut in ein psychiatrisches Krankenhaus geht (oder gebracht wird), kommt an Neuroleptika vorbei. Dies ist das erste Mittel der Wahl der Ärzte. Dabei benötigt nicht jeder Patient unbedingt diese Behandlung. Oft reichen auch Ruhe, Schutz, Schlaf, Essen und Trinken und die Abschottung von der krankmachenden Umgebung aus, um eine Besserung der Symptome und des Wohlbefinden zu erwirken.

Dr. Aderhold vom Institut für Sozialpsychiatrie Greifswald empfiehlt, bei Akutaufnahme generell erst einmal 4 Wochen abzuwarten, bevor mit NL behandelt wird. So könnten z.B. 40 Prozent der schizophrenen Erst-Patienten die Neuroleptika erspart werden, weil sie sie nicht wirklich brauchen. Auch bei Patienten, die schon regelmäßig Neuroleptika einnehmen, sind auftretende Negativsymptome wie Gemütsverflachung und verlangsamtes Denken zum Großteil durch die NL verursacht und keine eigentlichen Krankheitssymptome!

Auch eine prophylaktische Behandlung von jugendlichen Risiko-Patienten mit NL hält Dr. Aderhold für nicht sinnvoll: Erstens existiert kein Beweis, dass diese jungen Menschen dann tatsächlich krank werden, und zweitens stehen die Kümmernisse und Belastungen durch die Diagnose und Medikamenten-Einnahme (incl. Nebenwirkungen) in keiner Relation zum evtl. und keineswegs sicheren Ausbruch einer Psychose.

Diese Früherkennungszentren (FEZ) sind vielleicht gut gemeint, bringen aber mehr Unheil als Heil. Außerdem sagen viele Betroffene, ihre Psychose-Erfahrung möchten sie nicht missen: Sie hat sie zu reiferen Menschen gemacht.

Ein letzter Kritikpunkt an dieser Stelle: die weit verbreitete Mehrfachverschreibung von Neuroleptika - die Polypharmazie. Oft werden Patienten aus dem Krankenhaus mit ganzen Ladungen von Medikamenten entlassen: 2-3 unterschiedliche NL, dazu Antidepressiva und Beruhigungsmittel; dazu kommen noch die allgemein-medizinischen Präparate. Wie soll so ein armer Körper solch eine geballte Ladung von Pillen verkraften, wie die Nieren, wie die Leber? Da kann man ja nur als "Zombie" durch die Gegend schwanken!

Kein Pharma-Unternehmen testet solche NL-AD-Kombinationen auf Verträglichkeit, Wirksamkeit oder Toxitizät!!! Die hilflosen Patienten sind die Versuchskaninchen ...


Quellen: Vortrag Dr. Volkmar Aderhold: Mortalität und Neuroleptika; Deutsches Ärzteblatt (NL-Tabelle); www.kompendium.ch (Halbwertzeiten); Wie man von Psychopharmaka herunterkommt (www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de); Medikamenten-Spiegel-Rechner der Pahaschi-Seite

Bodo Bodenstein © 23. April 2012

siehe auch: Tagebuch einer Psychose - ein Betroffener berichtet