Das Nibelungenlied
      (in Kurzform neu erzählt in 20 Strophen)
 
König Gunther aus Burgund       hat, das tu ich hiermit kund,
als Schwester eine schöne Dame,       Kriemhild war ihr holder Name.
Der Siegfried aus den Niederlanden       wollt, er könnte bei ihr stranden,
kaum, daß er ein Ritter war,       zog er nach Worms, zu frei'n, fürwahr.

Gunthers Hagen sieht den Recken,       sagt, man solle nicht erschrecken,
es wär der Siegfried, dieser Starke,       der könnt' ihnen zeigen, was 'ne Harke,
'nen Drachen hätt' er schon bezwungen       und hält den Schatz der Nibelungen.
Es wäre besser, sagte Hagen       man würde ihn zum Freunde haben.

Siegfried wurde gut empfangen,       sein Herz sehnte sich mit Verlangen
nach der Jungfrau Kriemhilds Minne,       auch sie hat and'res nicht im Sinne.
Doch eines Tags kam da ein Bote,       der sagt, es gäbe viele Tote,
wenn Gunther würd' sich nicht ergeben       dem Lüdegast, dem stolzen Dänen.

Im Bund mit Lüdeger, dem Sachsen       wollt' er seh'n die Schätze wachsen.
Doch Siegfried, dieser starke Recken       ließ sich davon nicht erschrecken,
er zog dahin mit tausend Mann,       der Sachsen starben viele dann,
wo Siegfrieds Schwert sauste hernieder,       da blühte nimmermehr kein Flieder.

Zurück nach dem Burgundenlande       kamen die Geiseln voller Schande.
Belohnt wurde dann Siegfrieds Macht,       er konnte endlich seh'n die Pracht
und Schönheit seiner Minnefrau,       auch Kriemhild fühlt es ganz genau,
gefeiert ward ein großes Fest,       doch bald schon kam der nächste Test.

Mit Siegfried segelt stolz der Gunther       gen Island dann den Rhein herunter,
die Brünhild wollte er gewinnen,       vor Minne war er ganz von Sinnen.
Im Kampf wirft Brünhild ihren Speer,       den schleppten ihr zwölf Männer her,
und nur durch Siegfried in der Kappe       entzieht sich Gunther seiner Schlappe.

In Worms hält man das Hochzeitsfest,       doch Brünhild ist es gar nicht recht,
daß Siegfried kriegt zur Frau Kriemhilde,       er wär' doch nur von Gunthers Gilde,
so läßt sie Gunther nachts nicht ran,       nie größ're Schmach hatte ein Mann,
zur nächsten Nacht hilft Siegfried schlau,       erst dann ward Brünhild Gunthers Frau.

Siegfried nahm ihr weg den Ring,       der an ihrem Finger hing,
auch den Gürtel nahm er fort,       deswegen gab es später Mord!
Kriemhild zog mit ihm nach Xanten,       und trafen dort seine Verwandten,
der Papa gab ihm die Krone       und sie schenkte ihm 'nen Sohne.

Doch die Brünhild bei dem Gunther       wollt, daß er sie holt mal runter,
der Siegfried müßt' Tribut ihm zollen,       dann würde sie auch nicht mehr schmollen.
Siegfried kam nach Worms zum Feste,       von allem gab es nur das Beste,
doch die Frau'n war'n gleich am streiten,       wer denn könne besser reiten,

ob der Siegfried, ob der Gunther,       Brünhild meint, es sei der Gunther,
denn er wäre doch hier der König,       der Siegfried wär' vom Stand her wenig.
Das empörte die Kriemhilde       und sie stritten sich gar wilde,
Kriemhild sagt: "Du bist ein Flittchen!"       und zeigt den Gürtel, Donnerlittchen!

Brünhild hatte große Schande,       denn jeder dachte in dem Lande,
Siegfried wär' der erste Mann,       den sie ließe an sich ran.
Der Gunther ließ den Siegfried schwören,       doch Hagen ließ nicht von stören,
versprach, er würde Brünhild rächen,       er wollte Siegfried bald erstechen.

Sie dachten aus sich eine List,       als hätten sie schon wieder Zwist
mit den Sachsen und den Dänen.       Siegfried sprach: "Ihr sollt Euch nicht grämen!"
Er werde helfen den Burgunden,       mit ihnen sei er fest verbunden,
so rüsteten sie sich zum Kampfe,       die Pferde hört man mit Gestampfe.

Der üble Hagen geht zur Frau       von dem Siegfried und fragt schlau,
wie er könnt' im Kampfe nützen       und ihren Mann vor Unheil schützen.
Die treue Kriemhild sagt zum Hagen,       Siegfried könne man nur schlagen
an einer Stelle auf dem Rücken,       dort tat ihn einst ein Lindblatt schmücken,

als er war voll Drachenblut,       ein Pfeil tät ihm dort gar nicht gut,
ein Kreuzchen will sie dorthin sticken,       Hagen hört es mit Entzücken,
auf des Siegfrieds Stoffgewand,       ja - der Verrat war allerhand!
Der Krieg ward flugs dann abgesagt       und man ritt gleich aus zur Jagd.

Die Tiere konnten sich kaum wehren,       Siegfried fing sogar 'nen Bären,
doch das Jagen machte Durst,       man wollte guten Wein zur Wurst.
Der Wein war weg (das machte Hagen),       so mußt' man sich zur Quelle plagen.
Siegfried war der erste dort,       nicht ahnend, daß gleich kommt der Mord.

Zuerst darf trinken König Gunther,       dann beugt Siegfried sich herunter,
listig trägt der Hagen fort       seine Waffen von dem Ort,
den Speer stößt er von hinten rein       in das Herz vom Siegfried 'nein,
der bäumt sich auf und will den Hagen       mit bloßem Schilde noch erschlagen.

Doch Siegfried stirbt in übler Runde,       zu Kriemhild dringt danach die Kunde.
Sie weinte viele bitt're Tränen       und mußt' sich wegen Hagen grämen,
ihren Nibelungenhort       versenkt der Kerl im Rheine dort,
ihm war es leid ihr groß' Erbarmen,       denn sie schenkte viel den Armen.

Nach vielen Jahren an dem Rhein,       ließ Kriemhild sich von Etzel frei'n,
sie wurd' der Hunnen Königin,       sogar 'nen Sohn gebar sie ihm.
Doch sie wollte Siegfried rächen,       Hagen sollte dafür blechen,
Gunthers Hofstaat von dem Rhein       lud sie zu den Hunnen ein.

Über Passau und dann Wien       kamen sie zum Etzel hin.
Doch das Fest ging gar nicht gut,       zu provokant war beider Mut,
erst ein Toter, dann zwei, dann drei,       im Saal war große Keilerei,
dort ließ Kriemhild Feuer legen,       Blut trinken mußten Hagens Degen.

Nach tausenden von Toten später,       fing Dietrich Hagen, den Verräter
und Kriemhild köpft mit Siegfrieds Schwert       seinen Kopf, ganz unerhört!
Hildebrand und auch der Etzel       klagen über das Gemetzel,
der erstere haut Kriemhild dann       in Stücke gar, ganz wie ein Mann.
 

Die Burgunden sind nun alle tot,
    das ist der Nibelungen Not.


 
Nachgedichtet von Bodo Bodenstein © 2001

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